Willy von Unruh

Raumenergie Historie
Antworten
Ecki
Beiträge: 21
Registriert: 23.06.2018, 20:58

22.07.2018, 21:59

Servus zusammen, 

ich bin hier ganz neu und möchte mich zuerst sehr kurz vorstellen:
Im Forum werde ich mich „Ecki“ nennen, beruflich bin ich mit Elektrotechnik beschäftigt und aus Berufung sozusagen „Coler - Suchender“.

Die Suche nach dem „Stromerzeuger“ treibt mich mit Pausen seit 10 Jahren, und ich mache ab und zu wirklich Fortschritte, glaube ich.
Auch scheint die Coler- oder Unruh- Geschichte immer mehr zu einem regelrechten Wirtschaftskrimi auszuarten, so dass sie sogar dem "frei-energetisch Ungläubigen" interessanten Lesestoff bieten könnte.
Daher verspüre ich jetzt den Drang, meine zum Thema gesammelten Informationen und Überlegungen in diesem Thread zu verewigen. 

Vor einigen Jahren tauchte im damaligen Forum „Energie der Zukunft“ ein immer länger werdender Thread zum Thema "Hans Coler"
von einem Mitglied namens Wanninger auf, den ich mit Begeisterung verfolgt habe, ich konnte die nächste "Folge" kaum erwarten. 
Diesen Thread gibt es wieder hier in diesem Forum, gleich nebenan.
Darin findet sich unter Anderem, dass ein gewisser Willi oder Willy Unruh (Titel „von“ ist umstritten) hinter allem zu stecken scheint.
Und dass Kapitän Coler höchstwahrscheinlich weder der Erfinder des Stromerzeugers war, noch Seemann, sondern Hauptmann a.D.,
falsch übersetzt aus dem Englischen. 

Zwischenbemerkung zu Coler, der gehört ja nicht hierher, oder doch? 
Habe über Hans Coler eher zufällig herausgefunden, dass er nach 1919 an einer Dolmetscherschule in Berlin lehrte.
Vorher, 1918, hat er noch als Hauptmann während der Novemberrevolution bei den Soldatenräten sehr auffällig mitgemischt und war dort
Dezernent für Flug- und Nachrichtenwesen, angeblich in der „Funkenstation“ in Berlin.
Falls daran Interesse besteht: Bitte z.B. hier nachlesen, bzw. entsprechend googeln:
http://www.novemberrevolution1918.de/1918 

Jetzt aber zum Namensgeber dieses Threads.
Ich habe in den letzten Jahren zuweilen intensiv nach diesem Herrn von Unruh im Internet gesucht, mit den möglichen Variationen seines Namens.
Nach alledem, was ich gelesen habe, möchte ich die Namensversion „Willy von Unruh“ wählen.
Bei „Willy“ bin ich mir sehr sicher, beim „von“ gar nicht, aber das will ich ihm gönnen, Punkt.
 
Meine letzte Errungenschaft hatte ich vor ca. 3 Monaten, als ich auf das Archiv http://www.theeuropeanlibrary.org/ gestoßen bin.
Dieses ruht zwar inzwischen, hat aber schon viele Hamburger und Berliner Zeitungen archiviert und digitalisiert.
Hier konnte ich einiges über Willy von Unruh finden, im Zeitraum von 1911 bis 1932.
Auch über diverse Firmen, deren Teilhaber er war, gibt es bemerkenswerte Meldungen. Allerdings nur bis 1920. 
Ende 1920 gab er eine große Präsentation seines Stromerzeugers vor Wissenschaftlern, Investoren und Journalisten:
Mehrere Stunden lang wurden vielfach bezeugt 5 Glühlampen zu je 1000 Watt betrieben,
gespeist aus einem großen Holzkasten, garantiert und geprüft gänzlich ohne Zuleitung.
Mehr dazu findet sich im Coler Thread von Rudi Wanninger. 
Von da an ging es mit Willy steil bergab.

Im Coler Thread steckt viel Information über die Zeit, da Willy von Unruh schon im Gefängnis saß.
Der Unruh Thread kann jetzt einiges über die Zeit von 1921 – 1925 dazu liefern, also wie Willy in den Knast gekommen ist.

Beginnen möchte mit der Vorgeschichte von 1920 an bis hin zum großen Prozess im Mai 1924,
darauf kommt zu jedem Tag des 10- tägigen Prozesses eine ausgiebige Zeitungsmeldung.
Weiter geht es einige Tage im Januar 1925, ein zum Teil gewonnener Berufungsprozess. Das endgültige Urteil folgt schließlich. 

Wenn danach noch jemand anwesend ist, kümmern wir uns um das Kleingedruckte von 1911 bis 1920.
Und soviel sei versprochen, hier wird es dann auch technisch ein wenig interessant.

Zuerst allerdings eine traurige Meldung, sie wurde Ende 2015 vom „Regionale Kultur und Zeitgeschichte Hameln e.V.“ veröffentlicht,
es hat mich damals schon etwas erwischt.

http://www.geschichte-hameln.de/gedenkb ... &eidi=1715

Unruh Geschichte Hameln.jpg
Unruh Geschichte Hameln.jpg (117.17 KiB) 604 mal betrachtet


Warum und wann er zuletzt in Haft kam, darüber konnte ich leider bisher nichts herausfinden.
Interessant daran ist, dass sein zweiter Vorname "Johannes" war, Hinweis:
Im Coler Thread stellt sich u.A. die Frage nach einem ominösen Zwillingsbruder "Hans Unruh".

Im Internet war ebenfalls 2015 kurzzeitig ein Familienfoto von einer Hochzeit anno 1930 zu finden, auf dem unter den Angehörigen ein Willy Unruh abgelichtet war,
mit Angabe von Platz und Reihe und dem Zusatz „seit 1944 vermisst“.
Ich möchte nicht das ganze Foto hier bringen, aber einen Bildausschnitt mit diesem Willy Unruh, alles jedoch ohne Gewähr. 

Willy Unruh.jpg
Willy Unruh.jpg (30.35 KiB) 604 mal betrachtet

Nun soll es zurückgehen ins Jahr 1920, ich will zum Auftakt der Berichterstattung einen etwas bissigen Kommentar aus den Hamburger Nachrichten
vom 29.12.1920 (also kurz nach der Präsentation des Stromerzeugers) einfügen:

Vorher möchte ich mich für heute verabschieden,
Fortsetzung kommt demnächst.
Ecki



Hamburger Nachrichten 29.12.1920 
Das Problem der Atomzerlegung

und die Erfindung Willi von Unruhs.
 
Von Professor L. Freund, Leipzig.
 
Seit Wochen wird in der Tagespresse äusserst rege Propaganda gemacht für eine Erfindung, von welcher behauptet wird, dass sie die Entdeckung
des englischen Forschers Rutherford,
nach welcher bei der Spaltung von Elementen Energie frei wird, praktisch verwertbar gemacht habe.
Unruh betreibe bereits eine Lichtanlage durch seine Einrichtung.

Die Folgen einer solchen praktischen Ausnutzung der in den Atomen gebundenen Energienwürde ganz unabsehbar sein.
So ist beispielsweise ausgerechnet worden, dass,
wenn man die Energie von I Kilo Kohle durch Atomzerlegung gewinnen würde,
man mit ihr einen Ozeandampfer von 50 000 PS 10 Jahre lang ununterbrochen betreiben könnte.
Es braucht aber gar keine Kohle zu sein, sondern jeder beliebige andere Körper gibt gewaltige Energiemengen bei seiner Atomzerlegung fast kostenlos heraus.
Die Frage ist nur, ob es Unruh gelungen ist, dieses Problem zu lösen.
Um darüber ein Urteil zu gewinnen, muss man sich das ganze Vorgehen Willi von Unruhs vergegenwärtigen.
Zunächst sei nur nebenher erwähnt, dass der Erfinder sich vor etwa 2 Jahren
noch „Willi Unruh" nannte,
also damals auf das Adelsprädikat keinen Wert gelegt zu haben scheint.

Willi Unruh hat schon vor 2 Jahren 50 000 M. Darlehn aufzunehmen versucht, um dieselbe Erfindung entsprechend verwerten zu können.
Schon damals, als die Rutherford'sche Entdeckung
weder gemacht noch bekannt war, brannten die Lampen des Herrn Unruh
und wurden angeblich
von einem Apparat gespeist, der in einem besonderen Raume aufgestellt war und nicht beobachtet werden konnte.
Unruh gab damals die Erklärung ab, es würde Strom in den Kupferplatten induziert und dann transformiert.
Diese Erklärung von vor 2 Jahren enthielt also noch nichts von der Atomzerlegung,
sondern eine Erklärung, die ganz unmöglich zutreffen konnte,
wie jeder Elektriker bestätigen wird.

Damals suchte Unruh die ihm entgegengehaltenen Gegengründe zu entkräften, indem er darauf hinwies, dass seine Kritiker die Naturgesetze falsch auffassten.
Er hatte sich notarielle Urkunden über die Brenndauer der Lampen ausstellen lassen. Diese Urkunden enthielten über eine Zuleitung von Strom nichts.
Hätte nun Unruh schon damals einen Fachmann, etwa einen Dozenten einer technischen Hochschule unter Diskretion hinzugezogen,
und diesen alle Einzelheiten untersuchen lassen,
so hätte sich Unruh sicherlich schützen können vor dem Verdacht,
dass der Strom einer geheimen
Akkumulatorenbatterie entnommen wurde.
Aber schon damals trieb Unruh Geheimniskrämerei, die ganz sinnlos war.
War ihm wirklich etwas grundlegendes Neues gelungen und hatte er die Patentanmeldung besorgt, so konnte er seine Erfindung ruhig der Oeffentlichkeit übergeben und wenn er das nicht wollte, wenigstens eine Gruppe von Fachleuten hinzuziehen, die ihm bescheinigten, dass seine Sache einwandfrei war,
wenn auch noch der Durchbildung bedürfe.

Das schwerwiegendste ist aber, dass Unruh erst 2 Jahre später, nachdem Rutherford seine Entdeckung gemacht hatte,
dessen neue Theorie seiner alten Erfindung unterschob.
Das ist das Entscheidende.
Er hat trotz der Mitteilsamkeit seiner Propagandamitarbeiter nicht verkündet, dass er gegenüber seiner früheren Erfindung eine neue gemacht habe,
sondern er hat einen auf einem ganz anderen Gebiete liegenden Grund für die Brauchbarkeitseiner Energieerzeugung plötzlich herangezogen,
ohne seine alte Theorie ausdrücklich fallen
gelassen zu haben.
Hierüber muss sich Unruh selbst aussprechen, wenn er keinen falschen
Verdacht aufkommen lassen will.
Es muss weiterhin festgestellt werden, wie es möglich sein soll,
dass, selbst wenn Unruh heute die Atomzertrümmerung als Ausgangspunkt für seine Energieerzeugung gewählt haben sollte, er unter einem Kasten die Energieumwandlung in hochgespannten elekirischen Strom vornehmen will.
Bei dem Atomzerfall entsteht Wärme, aber noch kein hochgespannter elektrischer Strom und ausserdem erfordert die Zertrümmerung der Atome
eine besondere Anlage
und auch einen gewissen Aufwand.
Die Umwandlung von Wärme in elektrischen Strom geschieht heute etwa durch eine Dampfanlagein Verbindung mit einer Dynamomaschine.
Unruh will auch dieses alles unter dem einen Kasten
bewirken.
Er müsste also mehrere ganz gewaltige Erfindungen auf einmal gemacht haben,
und zwar kurz nach der Entdeckung Rutherford?
Das ist so unwahrscheinlich, dass Unruh schon etwas deutlicher sein muss, wenn wir ihm das glauben sollen.
Unruh lässt nun in der Presse verbreiten, dass er genötigt sei, die Geheimnisse seines Kastens zu wahren. Warum?
Die Schutzrechte sind angeblich angemeldet. Er ist also gedeckt. 
Es kann vorkommen, dass man Erfindungen rein konstruktiver Art bis zur vollständigen marktfähigen Durchführung geheim hält, und zwar deshalb,
weil eine Konkurrenzfirma
leicht durch eine Umgehung auf andere Weise zum Ziele kommen könnte,
wenn sie rechtzeitig von dem Vorhaben des Betreffenden erfährt.
Bei einer Erfindung wie dieser, wenn sie wirklich gemacht wäre kann derartiges gar nicht befürchtet werden.
Wenn Unruh heute der Welt eine solche Erfindung wirklich offen vorlegt, also nachweist, dass in jedem Stoffe, in jedem Schmutzhaufen der Strasse
Millionen von Wärmeeinheiten
und ungeheure Arbeitsfähigkeiten stecken, die man ohne weiteres nutzbar machen kann,
so würden wir alle einem solchen Beglücker der Menschheit aufs dankbarste zu Füssen liegen.
Er wäre der Erlöser der Menschheit und insbesondere Deutschlands aus den drückendsten wirtschaftlichen Fesseln.
Der Vertrag von Versailles, der uns so niederdrückt, störte uns nicht mehr. Wir könnten jede, aber auch jede Leistung vollbringen.
Mit der Lösung eines solchen Problems würde Deutschland mit einem Schlage ein reiches Volk. Was hätte Unruh zu befürchten?
Jeder Deutsche, wie wohl jeder Mensch, ob deutsch oder nicht,
würde diesen Mann, diesen Beglücker der Menschheit schützen,
er braucht sich um seinen Wohlstand zu allerletzt zu sorgen. Was tut aber Unruh?
Er schickt telegraphische Meldungen an die Presse,
inspiriert diesen und jenen Schriftsteller, sich mit seiner Erfindung zu beschäftigen
und verschanzt sich hinter seinen geheimnisvollen Kasten und läßt uns alle im Dunkeln, trotzdem er weiss, dass jede Stunde kostbar ist.
Würde man seine Sache ernst nehmen, wäre man verpflichtet, sofort die Schritte zu tun,
um gegebenenfalls zwangsweise diese Erfindung der Allgemeinheit nutzbar zu machen.
Aber leider kann man bei einiger kritischer Veranlagung nicht an diese Erfindung glauben.
Unruh mag, wenn er den Verdacht, seine Mitmenschen irre zu führen, verhindern will, einwandfrei den Beweis der Wirklichkeit seiner Erfindung beibringen.
Was bisher bekannt wurde, bewies das Gegenteil davon.

http://www.theeuropeanlibrary.org/tel4/ ... =1920-1929
Ecki
Beiträge: 21
Registriert: 23.06.2018, 20:58

23.07.2018, 22:44

Hallo miteinander,

ich habe zuerst zwei kurze Meldungen aus den Jahren 1921 und 1922, bevor es 1924 in die Vollen geht und der Prozess beginnt.
Übrigens,
die Nachrichten, die ich in "Reinschrift" gespeichert habe, werde ich eingefärbt so einfügen (es war ganz schön Arbeit, die Übersetzungsfehler zu korrigieren).
Bei diesen Artikeln steht die Zeitung und das Datum oben vor dem Anfang und die Datei ist danach benannt.
In einigen Fällen gibt es keine Reinschrift, in dem Fall muss man halt leider das Original (als jpg) entziffern. Diese sind durch den Dateinamen zu identifizieren...

So, jetzt der Zeitungsartikel vom Januar 1921, da kippte die Stimmung schon. Mit einer netten Pointe, die zufällig darunter stand:
 
Neue Hamburger Zeitung 29.01.1921
 
Technischer Humbug.
Die geheimnisvolle Erfindung eines Ingenieurs v. Unruh, die ungeheure Kräfte durch Atomspaltung frei gemacht haben sollte,
spukt seit einiger Zeit durch einen Teil der Presse.

Wie das Reichsministerium des Inneren mitteilt, ist der Krafterzeuger in der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt untersucht
und Herrn v. Unruh
mehrmals Gelegenheit gegeben worden, den Apparat vorzuführen.
Es ist ihm aber dabei niemals gelungen, auch nur eine Andeutung der behaupteten Elektrizitätserzeugung nachzuweisen.
Da Unruh die Angelegenheit bereits durch
Monate hingeschleppt hatte, ehe er sich zur Vorführung des Apparates einstellte,
lehnte die Reichsanstalt es ab, sich auf weitere Vorführungen einzulassen.
In der Anordnung des Apparates ist nicht das geringste zu erkennen, was auf eine Atomspaltung hindeutet.
Es ist von dem Erfinder auch gar nicht versucht worden,
der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt eine solche Erklärung zu geben.
Es kann nur dringend davor gewarnt werden, irgendwelche Hoffnungen an den Krafterzeugerdes Ingenieurs v. Unruh zu knüpfen.

Kleine Rundschau.
Eine europäische Korrespondenz verbreitet die etwas seltsam klingende Nachricht,
daß Professor Albert Einstein auf Einladung einiger Gelehrter in Paris in privaten Kreisen Vorträge über seine Relativitätstheorie halten werde.
Wie Professor Einstein mitteilt, ist weder eine solche Einladung an ihn ergangen, noch denkt er daran, in Frankreich Vorträge zu halten.


Willy von Unruh hat sich also regelmäßig vor Untersuchungen durch Fachleute gedrückt, das kommt auch im Prozess mehrmals auf den Tisch.
Dem gegenüber wird man erstaunliche Aussagen der Zeugen zu lesen bekommen. Er war schon sehr rege, der Herr von Unruh.

Nun war aber erst mal Schluss, Willy wurde kurz vor Weihnachten 1922 in München verhaftet:

Berliner Volkszeitung 22.12.1922

Ein Scheckschwindler verhaftet.  

Den Scheckschwindel im Großen betrieb ein Kaufmann und Ingenieur Willi Unruh,
der jetzt von der Kriminalpolizei in München unschädlich gemacht wurde.

Der Schwindler, der als Freiherr oder Baron v. Unruh auftrat, pflegte Gesellschaften zu gründen,
die nur darauf berechnet waren, Bankgeschäften und Geldleuten bedeutende Mittel abzulocken.
Besonders schrieb er ungedeckte Schecks auf amerikanische Banken aus.

Alle die Schecks, die über 1000 bis 50 000 Dollars lauteten, erwiesen sich als gefälscht.
Der Schwindler machte sie entweder zu Geld oder ließ sich bedeutende Vorschüsse darauf geben.

So erbeutete er Beträge, die im ganzen in die Millionen gehen.


So wie sich mir das darstellt, hat Willy die Zeit bis zum Prozess weitgehend in Untersuchungshaft verbracht.
Nun folgt der erste Artikel zum ersten Verhandlungstag am 19.05.1924.
Hauptmann a.D. Coler war mit angeklagt; fast hätte ich jetzt geschrieben, "wen wun..."

Berliner Tageblatt 19.05.1924 

Die Hochstapeleien des „Freiherrn von Unruh".
Die Elektrizitätserzeugung aus der Luft.


Luftgeschäfte im wahrsten Sinne des Wortes bilden die Basis eines Riesenprozesses,
der heute vor dem Schöffengericht Berlin-Mitte begann,
und für dessen Dauer zehn Tage in Aussicht genommen sind,
da nicht weniger als 120 Zeugen und viele Sachverständige zu vernehmen sind.
Im Mittelpunkt der Anklage steht der Ingenieur Willy Unruh aus Berlin, der behauptet, daß er ein Freiherr v. Unruh sei,
während von der Staatsanwaltschaft das Adelsprädikat des Angeklagten bestritten wird.
Unruh hat sich wegen zahlreicher Betrugsfälle und Urkundenfälschungen zu verantworten.
Mit ihm sind angeklagt der Kaufmann Fritz Wilke, der Hauptmann a. D. Kohler
und der Makler Ernst Brinkmann aus Hamburg.
Die Angeklageschrift legt dem Angeklagten zur Last, zahlreiche Personen um annähernd 1 Million Goldmark betrogen zu haben,
da er sie zur Finanzierung seiner angeblichen Erfindung „Stromerzeuger U“ durch Täuschung veranlaßt habe.

Das Wesen dieser Erfindung soll darin bestehen, daß mit einem von dem Angeklagten erfundenen großen Klingelapparat
mit ganz geringen Unkostenel ektrische Energiemengen in beliebigen Mengen aus der Luft erzeugt werden können,
so daß die Kilowattstunde in Zukunft etwa den zehntausendsten Teil des bisherigen Betrages ausmachen würde.

Nach Behauptung des Angeklagten soll damit eine völlige Unabhängigkeit von der Kohle erwirkt werden.
Der Angeklagte hat auf Grund dieser angeblichen Erfindung Syndikate, Konzerne und Gesellschaften
mit hochtönenden Namen gegründet und deren Leitung übernommen, wobei er sich selbst Freiherr v. Unruh nannte.

Es sind ihm große Summen zugeflossen.
Unter den Geschädigten befinden sich:
Der bekannte Psychiater Freiherr v. Schrenk-Notzing, Graf v. Rittberg, Freiherr v. Richthofen
und zahlreiche andere Angehörige der Adelskreise.
Die Anklagebehörde, die von Staatsanwaltschaftsrat Schwandtke vertreten wird,
steht in Anlehnung an das Gutachten der Physikalisch-technischen Reichsanstalt auf dem Standpunkt, daß die Erfindung Schwindel sei.
Die Mitangeklagten werden beschuldigt, an dem Absatz der Anteilscheine mitgewirkt zu haben,
obwohl sie die Nichtexistenz der Erfindung gekannt haben sollen.



Man beachte bitte die Bezeichnung des Stromerzeugers als "grossen Klingelapparat" ! Darauf will ich später noch eingehen.
Im folgenden Bericht zum zweiten Verhandlungstag finden wir die erste Überraschung; also keine Sorge, eine furchtbar langweilige Geschichte wird das nicht.

Berliner Volkszeitung 20.05.1924 

„Elektrizitätsgewinnung aus der Luft."
Der Riesenbetrugsprozess „Freiherr von Unruh“.

 
Bei der Vernehmung des Angeklagten Willy Unruh ergibt sich, daß er,
obwohl er sich auch Ingenieur nennt, keine technische Vorbildung hat.

Er will sich selbst vorgebildet haben.
Nachdem seine Frau eine große Erbschaft gemacht hatte,habe er sich ein eigenes Laboratorium eingerichtet
und will mit seinen Erfindungen
dreißig in- und ausländische Patente erworben haben.
Schon 1918 habe er sich mit der Idee des Stromerzeugens aus Luft befasst und Musterschutz erhalten.

Im Kriege sei er wegen seiner hervorragenden Kenntnisse zur Artillerie - Prüfungskommission berufen worden.
Der Angeklagte behauptete, daß sein Großvater den Adel noch geführt habe,
und daß er ihn mit Recht wieder angenommen habe.
Der Vorsitzende hielt dem Angeklagten vor, daß bei ihm auch ein Johanniterkreuz gefunden worden sei.
Angekl.:
„Das gehörte der Schwester, die meinen verstorbenen Vater gepflegt hat.“
Vors.:

„Sie sollen auch ein eigenes Auto, Reitpferde und eine Zehnzimmerwohnung gehabt haben.
Angekl.:
„Ich hielt mich dazu berechtigt, weil mir ein Anteil an der Gesellschaft, die die Verwertung meiner Erfindung übernommen hatte,
in Höhe von 5 Millionen holländischen Gulden zugestanden worden war.“

Vors.:
„Worin bestand eigentlich der Wert der von Ihnen gegründeten Internationalen Elektrizitätsverwertungs-Aktiengesellschaft?“
Angekl.:
„Ein Holländer Hodmarker hatte es übernommen, 15 Millionen Gulden für die Gesellschaft aufzubringen.
Er ließ uns aber mit seinen Zahlungen in Stich."
Vors.:

„Wie verschafften Sich sich dann das Geld?"
Angekl.:
„Ich ließ die Anteilscheine durch den Mitangeklagten Hauptmann Coler verkaufen.

Der Wert der Erfindung wurde bei der Gründung der Gesellschaft mit 19 Millionen Gulden angesetzt,
während 5 Millionen durch die holländische Finanzgruppe aufgebracht werden sollten."
Vors.:

„Der Apparat soll aber in den letzten Jahren überhaupt nicht mehr vorgeführt worden sein.
Sie sind doch in der ganzen Welt herumgereist und haben Silberbergwerksgesellschaften und alle möglichen anderen Unternehmen gegründet."
Angekl.:
„Es ist richtig, daß ich seit 1922 nicht mehr an meinem Apparat gearbeitet habe,
weil ich durch den Konkursantrag eines Gläubigers aus meiner Gesellschaft herausgesetzt wurde, so daß ich alles Interesse verlor."

Es kamen dann die Vorgänge in Potsdam zur Sprache,
wo etwa 89 Gläubiger durch den Verkauf
von Anteilscheinen hineingelegt worden sein sollen.
Der Angeklagte hat in Potsdam Vorträge vor geladenen Gästen, vorwiegend der früheren Hofgesellschaft, über den „Stromerzeuger U." gehalten.
Er bestritt, die Aussichten der Erfindung und die technische Durchführung in zu rosigen Farben geschildert zu haben.
Die Verhandlungen wurden schließlich auf Dienstag vertagt.


Da verstehe einer die Welt: Mal Ingenieur, mal wieder nicht, dann Freiherr, aber auch nicht, Stromerzeuger oder Silberbergwerk, egal...
Schliesslich habe ich zum gleichen Verhandlungstag noch ein schwer lesbares Original, seehr mühsam, siehe Anhang.

Und damit mache ich für heute Feierabend; ist schon anstrengend, die Redaktionsarbeit ;)
Bis zum Tag III
Ecki


Berliner Tageblatt vom 20.05.1924


1924 05 20  Berliner Tageblatt.jpg
1924 05 20 Berliner Tageblatt.jpg (224.64 KiB) 573 mal betrachtet
















 
Ecki
Beiträge: 21
Registriert: 23.06.2018, 20:58

24.07.2018, 21:32

Schönen Abend,

heute wird es intensiv informativ.
Es folgen zwei längere Meldungen vom Verhandlungstag 3 und 4.
Die erstere beginnt etwas trocken mit Willy von Unruhs Neben- oder Hauptgeschäften, wie man's nimmt.
Erwähnenswert scheint mir dabei der letzte Absatz.

Berliner Volkszeitung 21.05.1924  

Unruhs Elektrizitätserzeugungs-Apparat

"Ohne Zuleitung von außen" - Das "freiherrliche" Silberbergwerk - Das Adelsproblem

Die Vernehmung des Angeklagten Unruh wurde gestern früh fortgesetzt.
Der zweite Teil der Anklage betrifft umfangreiche Fälschungen von Dollarschecks.
Neben seinen Operationen mit dem „Stromerzeuger" hatte Unruh mit der Finanzierung des Silberbergwerks Erzengel Michael bei Mohorn operiert.
Dieses Bergwerk ist bereits 1892 stillgelegt worden.
Unruh hatte Mitte 1922 gefälschte Schecks aus amerikanischen Banken in New-Yorkund Chikago in den Verkehr gebracht.
Die Schecks lauteten auf Beträge bis zu 20 000 Dollars.
Der Angeklagte selbst will ein Opfer von Betrügern geworden sein.
Im Jahre 1922 habe er sich zwecks Finanzierung des Silberbergwerks in München im Regina - Palast - Hotel aufgehalten.
Dort habe er zwei Herren kennen gelernt, die sich als Earring und Gutschon ausgaben.
Mit Earring sei er in Geschäftsverbindungen getreten. Als Earring dringend abreisen mußte, habe er ihm einen Vertreter namens Arthur Vaughan geschickt. Nachdem er günstige Auskünfte über die Firma Earring & Co, in New Port erhalten hatte, habe er keine Bedenken gehabt,
die ihm von Vaughan übergebenen Schecks anzunehmen
und zu girieren.
Der Angeklagte hat dann auch noch Schecks auf die Firma Ladenberg, Thalmann & Co.in New Jork und auf die „First national bank of Chicago"ausgegeben
und behauptet,
daß er diese von einem Dr. Ludwig erhalten habe, der großes Interesse an der Ausbeutung des Silberbergwerks gehabt hätte.
Die Anklage behauptet, daß der höchst mysteriöse Vaughan der Angeklagte Wilke gewesen sei und der Dr. Ludwig Unruh selbst.
Der dritte Angeklagte Hauptmann a. D. Coler erklärte, er habe den Stromerzeugungsapparat acht Stunden lang arbeiten sehen und zwar zu einer Zeit,
als in Berlin die Elektrizitätswerke
streikten, so daß andere Zuleitung undenkbar war.
Uebrigens sei auch nach einiger Zeit eine Erfindung auf gleichartigem Gebiet patentiert worden.
Infolgedessen habe er in gutem Glauben die Anteilscheine vertrieben.
Er habe den Apparat in ein benachbartes Zimmer getragen, um jede Möglichkeit einer Beeinflussung zu verhindern.
Der angeklagte Kaufmann Brinkmann ans Hamburg betonte,
daß er selbst viel Geld in das
Unternehmen hineingesteckt habe und noch heute fest an die Erfindung glaube.

Als erster Zeuge wurde Generalleutnant a. D. Bodo v. Unruh vernommen.
Er bekundete folgendes:
Als er über die Erfindung seinerzeit in den Zeitungen lange Lobartikel
gelesen habe, habe er als Vorsitzender des Familienverbandes dem Erfinder Glückwünsche übermittelt und gleichzeitig habe er angefragt, wie der Erfinder mit seiner Familie verwandt sei.
In den Familienlisten hatte er nämlich einen Freiherrn v. Unruh nicht gefunden.
Es kam auch umgehend eine Antwort, die auf einem wappengeschmückten Briefbogengeschrieben war.
Der Briefschreiber erwiderte, daß er die Frage seiner Zugehörigkeit
zu der Familie v. Unruh in den nächsten Tagen beantworten werde.
Dem Zeugen fiel es aber auf, daß der „Freiherr v. Unruh" das einfache Wappenseiner eigenen Familie führte,
während das freiherrliche Wappen reicher ausgestattet ist.

Der Zeuge hat dann nochmals an das Versprechen erinnert, aber keine Antwort bekommen.
Aus den Vorhalt des Vorsitzenden, der Angeklagte behauptete, sein Großvater habe währendder Revolution von 1848 den Adel abgelegt,
nachdem er kurz vorher den Freiherrntitel
erhalten hatte, erwiderte der Zeuge, daß ihm in der Familiengeschichte von derartigen Vorgängennichts bekannt sei.
Der Angeklagte erklärte, daß die Papiere seines Bruders verloren gegangen sein müßten.

Justizrat Schröder wurde in den Tagen des Kapp-Putsches in die Wohnung Unruhs, in der Bülowstraße, gerufen und sollte ein notarisches Protokoll aufnehmen,
daß dort elektrisches
Licht brannte, während überall infolge des Elektrizitätsstreiks kein Licht vorhanden war.
In dem Zimmer sei ihm ein Apparat gezeigt worden, der aus sich selbst heraus den Strom erzeuge.
Der Stromerzeuger bestand aus Latten, Stangen und Drähten, soweit er als Nichtfachmann verstehen konnte, war keine Lichtzufuhr von aussen vorhanden.
Es brannten fünf Lampen zu 1000 Kerzen, und gaben ein helles intensives Licht. Irgendwelche Zuleitungsdrähte hat der Zeuge nicht wahrgenommen.
Nach der Vernehmung weiterer Zeugen wurde die Verhandlung auf Mittwoch vertagt.


Die Frage ist halt, wie lange hat der Herr Justizrat Schröder die Anlage besichtigt?
Coler hat den Apparat 8 Stunden arbeiten sehen, tja... und was meint er jetzt damit:
"Uebrigens sei auch nach einiger Zeit eine Erfindung auf gleichartigem Gebiet patentiert worden."

Das Kommende ist sehr aufschlussreich und teils ein Plädoyer für den Stromerzeuger, auch ein Herr Sandberg wird erwähnt.
Verhandlungstag 4, am 22.05.1924:

Berliner Volkszeitung 22.05.1924 

Der „Stromerzeuger U"

Interessante Gutachten
 
In dem Prozeß Unruh ergab gestern die weitere Beweisaufnahme,
daß eine ganze Reihe von Leuten mit Bestimmtheit behauptete, dass der „Stromerzeuger U",
der ihnen von Unruh vorgeführt worden war, Licht gespendet habe, und daß keinerlei Zuleitungen vorhanden gewesen sind.
So hat der bekannte Psychologe Professor v. Schrenck-Notzing aus München dem Angeklagten,
nachdem er öfters den Apparat in voller Funktion gesehen hatte, ein Darlehen von 650000 Mark gegeben.
Der Zeuge trennte scharf die Erfindung von dem Menschen Unruh. Diesen hält er für einen ausgesprochenen Psychopathen.
Ursprünglich sei Unruh ein bescheidener Mensch gewesen.
Später sei ihm jedoch die Erfindung zu Kopf gestiegen und er habe den Begriff des Geldes und die Unterscheidung von Mein und Dein verloren.
Aber aus der Psychologie des Angeklagten dürfe man nicht schließen, daß die Erfindung selbst Schwindel sei.
Das gegenwärtige Nichtfunktionieren des Apparates
läge daran, daß Unruh fürchte,
dass die Sachverständigen durch einen Einblick in den Apparat
ihm die Erfindung aus der Hand nehmen könnten, da sie nicht patentiert sei.
Ein weiterer Zeuge ist Rechtsanwalt Dr. Heine aus Dresden, der ebenfalls an der Gründung stark beteiligt gewesen ist.
Bereits 1917 habe ein Apparat in seiner Wohnung Monate hindurch Licht gespendet.
Der Apparat stand auf einem freistehenden Tisch unter allen Sicherungsmaßnahmen, so daß an Energiezufuhr von außen nicht zu denken gewesen sei.
Auch nach der Abreise Unruhs habe die Maschine tadellos weitergearbeitet.
Er, der Zeuge, habe ohne Wissen des Angeklagten den Apparat von einem Ingenieur untersuchen lassen und dieser habe festgestellt,
daß keine Stromzuleitung vorhanden sei.

Nach der Meinung des Ingenieurs müsse in dem Apparat eine bisher unbekannte Energiequelle vorhanden sein,
die eine völlige Umwälzung dessen bedeutet,
was aus dem Gebiet der Elektrizität bekannt sei.
Versammlungen, die der Gründung der „J e v a g" folgten, hätten wohl glänzende Zukunftsbilder gezeigt, man sei aber nicht weiter gekommen,
weil die wissenschaftlichen Gutachten nicht folgten und die Gelder, die von der holländischen Finanzgruppe kommen sollten, ausblieben.
Rittergutsbesitzer v. Bethmann Hollweg hat der „J e v a g" 200 000 Mark gegeben und dann gemeinsam mit dem Norweger Sandberg
1922 eine Umorganisation in das
„Neo-Energie-Syndikat" vorgenommen. Auch er hat den Apparat funktionieren sehen.
Befremdend wirkte auf den Zeugen,
daß Unruh nicht zu bewegen ist, den Apparat in Tätigkeit zu setzen.
Der eigentliche Erfinder sei wohl ein früherer Mitarbeiter Unruhs, der im Kriege gefallen sei.
Der Zeuge erklärte weiter: „Wir haben angenommen, daß Herr v. Unruh den Faden der Erfindung verloren hat.
Er berief sich immer darauf, daß er das Wesen seiner Erfindung in 13 Heften zusammengefaßt habe.
Er hat sich aber stets geweigert, uns die Hefte auszuhändigen,
damit wir nach denselben die Erfindung praktisch nicht ohne seinen Willen ausführen könnten.
Der Apparat funktionierte immer, wenn kein Sachverständiger da war. War dies aber der Fall, dann war stets eine Störung eingetreten.
Vorsitzender zum Angeklagten:
Wir können doch nicht in Ihrer Seele lesen.
Es würde doch einfacher sein, wenn Sie sich einmal offen aussprächen.
Angeklagter:
Zahlreiche Sachverständige haben den Apparat besichtigt,
eine Untersuchung aber konnte ich nur gestatten,
wenn ich durch einen Eventualvertrag
gegen einen Missbrauch geschützt worden war.
Vors.:
Herr Zeuge, es wurde Ihnen wohl später gesagt, daß der Bruder des Angeklagten einen
Apparat besitze, der funktioniere.
Zeuge:
Auch dies erwies sich als eine Seifenblase. Der Angeklagte Brinkmann erklärte uns,
daß es sich bei diesem Apparat um eine ganz neue Idee handele.
Ein Herr Krause, den wir zur Untersuchung nach Hamburg geschickt hatten, kam mit der Meldung zurück, daß alles wunderbar sei.
Deshalb wollten wir lieber noch eine kleine Summe nachzahlen, als alles verlieren.
Als der Apparat nach Berlin kam, war es mit dem Funktionieren vorbei und Herr Krause mußte zugeben,
daß ihm doch nicht die Möglichkeit gegeben worden war zu einer
genauen Untersuchung.
Auf Befragen, weshalb er nichts unternommen habe, den Apparat in Bewegung zu setzen, obgleich ihm während des Jahres,
das er in München im Untersuchungsgefängnis zubrachte,
auch ein Apparat aufgestellt war, antwortete Unruh:
Es fehlten mir dort die Instruktionen, und dann war auch die Zeit zu kurz,
da der Untersuchungsrichter nach Berlin fahren mußte und den Apparat mitnahm.
Staatsanwalt:
Wie ist es denn mit den 13 Heften?

Angekl.:
Das muß ich erst mit meinen Anwälten besprechen.
Die 13 Hefte sind übrigens nicht nötig,
da durch die technische Vorführung vor den
Sachverständigen die Sache sich klären wird.
Vert.:
Ich bitte, den Angeklagten zu fragen, ob er sich über die Ursache seiner Erfindung klar ist.

Angekl.:
Ich bin mir klar, wie die einzelnen Vorgänge vor sich gehen.


Der Techniker Ludwig Stange ist seit 1911 Mitarbeiter Unruhs. Schon 1912 habe ein kleiner Apparat gebrannt.
Der große Apparat wurde Ende 1918 in Funktion gebracht. Am Silvesterabend 1918 brannten mehrere tausendkerzige Lampen.
Anfang Januar 1919 wohnten verschiedene Herren einer achtstündigen Probe bei, bei der fünf tausendkerzige Lampen brannten.
Jede Stromzusührung von außen sei ausgeschlossen.
Der Apparat habe ein halbes Jahr lang täglich zwei bis drei Stunden Licht gespendet und mit einigen Unterbrechungen anderthalb Jahre gebrannt.
Als Herr v. Unruh verreist war, stand der Apparat in einem verschlossenen Zimmer und brannte täglich nach Bedarf zwei bis drei Stunden.
„Ich habe mich Jahr und Tag bemüht, einen etwaigen Schwindel aufzudecken.
Ich bin mit dem brennenden Apparat in ein anderes Zimmer gegangen und habe das ganze Haus bis zum Keller untersucht.
Im Mai 1920 geriet der Apparat infolge Kurzschlusses außer Betrieb."

In allen Fällen hatten die Geldgeber sich vorher von dem Funktionieren des Apparates überzeugt.
Die Beweisaufnahme wird am Donnerstag fortgesetzt.
 

Der Apparat hat täglich gebrannt, ja dann war wenigstens auch geheizt, bei so viel Holz. :mrgreen:
So ein kleiner Apparat von 1912 würde mich allerdings "brennend" interessieren.

Willy Unruh entwickelte sich also vom bescheidenen Menschen zum Psychopathen "Freiherr von Unruh", anscheinend schwer paranoid.
Und er "hat den Faden seiner Erfindung verloren". Darauf möchte ich später etwas näher eingehen.
Mich verwundert, dass niemals ein Zeuge die Wärme erwähnt hat, die von 5 St. 1000 Watt Lampen abgestrahlt werden müsste.

Einen Verhandlungstag gibt es heute noch, aber nur als schwer lesbares Origial in zwei Hälften.
In der nächsten "Folge" geht es mit dem gleichen Tag weiter, das hat heute keinen Platz mehr (Zeichenzahl).
Der Verhandlungstag 5 am 23.05.1924

Schönen Gruß,
Martin



1924 05 23  Berliner Tageblatt 1.jpg
1924 05 23 Berliner Tageblatt 1.jpg (72.93 KiB) 533 mal betrachtet


1924 05 23  Berliner Tageblatt 2.jpg
1924 05 23 Berliner Tageblatt 2.jpg (35.55 KiB) 533 mal betrachtet








 






 
Ecki
Beiträge: 21
Registriert: 23.06.2018, 20:58

25.07.2018, 22:46

Servus zusammen,

ich bin heute von einem Forenmitglied freundlich aufgeklärt worden, daß ich mit den von mir bisher erwähnten "5 Lampen zu 1000 Watt" falsch liege.
Es hieß ja "1000-Kerzige Lampen", und das entspricht wesentlich weniger Watt, ca. 20%. Genaueres dazu steht hier.
Die 5000 Watt schienen auch mir irgendwie sehr utopisch...

Nun kommt ein zweiter Artikel zum 5. Verhandlungstag am 23.05.1924, diesmal in Schönschrift.

 Berliner Volkszeitung 23.05.1924

Der Streit der Gelehrten um den Apparat ,,U“

Die diffentierenden Gutachten im Unruh Prozeß


— Nur eine „Attrappe“? —

Ein „Obergutachter“ geladen

  
In der gestrigen Verhandlung gegen den „Freiherrn v. Unruh" wurde zunächst der Sachverständige Geheimrat Professor Dr. Romberg von der Technischen
Hochschule gehört.
Er wurde 1919 um ein Gutachten angegangen.
Damals habe er den Apparat nur äußerlich gesehen. Derselbe war nicht in Betrieb.
Als wesentliches der Erfindung wurde angenommen, daß mit einer Energie von 20 Kilowatt, die in den Elementen aufgespeichert seien, das fünfzigfache,
also 1000 Kilowatt geliefert wurden.

Auf die Frage an Unruh, wie er es sich denke, daß das Gesetz über die Erhaltung der Energienumgestossen werde, sagte Unruh,
er sei dazu nicht wissenschaftlich genug durchgebildet.

Der Sachverständige hat den Apparat dann noch zwanzigmal bis April 1920 besichtigt, aber niemals in Betrieb gesehen.
Unruh sprach damals schon von der Notwendigkeit der Geheimhaltung seiner Erfindung.
Darauf habe der Zeuge nur gebeten, durch Messungen am Apparat die Leistungen feststellen zu dürfen. Die Instrumente wurden niemals angeschlossen.
Der im „Laboratorium" vorgeführte Apparat besteht aus Kupferplatten, Magneten, Spulen usw., also Dinge, die man als normale Elemente bezeichnen müsse.
Dass Unruhs Maschine gegangen sei, so erklärte der Zeuge, muß von mir bezweifelt werden.
Auf Befragen erklärte Professor Romberg weiter: Der Angeklagte mag ursprünglich der Auffassung gewesen sein, daß er auf diesem Wege zu etwas neuem
kommen könne.
Er mag aus seiner früheren Tätigkeit, der Schaufensterreklame,
die Anregung bekommen haben, etwas zu suchen.
Im Laufe der Zeit müssen ihm aber Zweifel
gekommen sein.
Wer ehrlich an seine Sache glaubt, wird sie mit aller Intersivität bis zum Ende
verfolgen; das hat aber der Angeklagte nicht getan.
Und um die Aussichtslosigkeit seines Problems
zu erkennen, dazu war der Angeklagte wissenschaftlich genügend gebildet.

Verteidiger:
Wir haben doch schon manche Umwälzung der wissenschaftlichen Erkenntnis erlebt.

Sachverständiger:
Theoretisch bestreite ich die Möglichkeit gar nicht. In diesem Falle käme unter Ausnutzung der Elektron-Theorie die Auflösung der Materie in Kraft in Frage.
Deshalb habe ich den Angeklagten auch gefragt, ob er irgendein Verzehren
von Materie beobachtet hat, was er verneinte.
Es ist nicht ausgeschlossen, dass es gelingt,
die Materie in Kraft umzuwandeln, aber nicht mit diesem Apparat.
Vert.:
Tatsächlich haben doch zahlreiche Zeugen unter Eid bekundet, daß der Apparat gebrannt hat
und daß sie alles durchsucht haben, um eine Zuleitung zu entdecken.
Sachv.:
Dafür habe ich keine Erklärung, ich kann mir nur denken, daß die unsachverständigen
Zeugen dennoch getäuscht worden sind.
Vert.:
Die Zeugen haben doch den Apparat herumgetragen, und er brannte weiter,
so daß eine geheime Zuleitung ausgeschlossen werden muß.
Vors.:
Kann nicht eine Ladung mit Elektrizität erfolgt sein?

Sachv.:
Akkumulatoren können in dem Apparat nicht gewesen sein, die 5000 Watt erzeugen.

Vert.: Gibt es keine andere Möglichkeit der Zuleitungen?
Sachv.:
Elektrisch kann man alles mögliche machen.

Vert.:
Gibt es auch eine unsichtbare Zuleitung?

Sachv.:
Unter Umständen ja.
Die Möglichkeit einer Stromzuführung, nicht bloß durch Drähte, ist vorhanden.
Vors.:
Wäre es möglich, daß im Apparat eine verborgene Stromquelle vorhanden war?

Sachv.:
Hätte ich den Apparat damals gesehen, als er bei Dr. Heyne in Dresden brannte,
dann hätte ich sicherlich eine Erklärung gefunden.
Vors.: Wir müssen als Basis annehmen, daß der Apparat gebrannt hat.
Sachv.:
Ich kann mir nicht erklären, wie das zugegangen ist.


Die Zeugen v. Bethmann Hollweg und Dr. Heyne versichern nochmals, daß von einer geheimen Zuleitung keine Rede sein könne.
Der Angeklagte berief sich dann noch an den Generaldirektor Jahncke, der mit ihm im Kriegsministerium zusammen unter Romberg gearbeitet hat
und der den Apparat auch zweimal brennen gesehen habe.
Da Geheimrat Romberg Herrn Jahncke als einen Vollsachverständigen bezeichnet, ordnet der Vorsitzende dessen Ladung an.
Es folgte dann das Gutachten von Professor Scherenberg von der physikalisch-technischen Reichsanstalt.
Am 27. Mai 1920 habe die „Jevag“ die Prüfung des Apparates beantragt. Der Apparat war verschlossen zur Reichsanstalt gebracht und sollte v. Unruh
vorgeführt werden.
Erst am 5. August fand das statt.
Wir haben keine Spannung messen können, die höher war als die der kleinen Batterien, die zur Anregung dienen soll.
Der Angeklagte sagte, er brauche Beutelelemente,
die aufeinander abgestimmt seien.
Auch eine zweite Vorführung ergab keinen Anhalt,
dass ein Mehr an Spannung erzeugt werde.
Zu weiteren Versuchen ist es nicht gekommen. Herr v. Unruh schob die Termine immer wieder hinaus, bis ich die Verhandlungen abbrach.
Aus der Schaltung der Apparate war nichts zu erkennen, daß jemals eine höhere Spannung erzielt werden könnte, als die der Klingelbatterien.
Der Apparat ist relativ einfach aufgebaut, so daß nicht einzusehen ist, warum er immer betriebsunfähig ist, wenn Sachverständige ihn prüfen sollen.
Das Verhalten des Angeklagten war unverständlich, wenn man bedenkt, welchen Wert die Prüfung an einer objektiven Stelle, wie die Reichsanstalt,
hat,
deren Beamte durch Diensteid verpflichtet sind, keine Patente zu nehmen.
Die Leute drängten sich, ihm Geld zu geben, wenn Sicherheit geboten würde, daß an der Erfindung etwas Vernünftiges war.
Stattdessen hat er systematisch die Termine hinausgezögert.
Nach der ganzen Sachlage bin ich überzeugt, dass der Apparat eine Atrappe ist und sich nicht zur Erzeugung von Energie eignet.
Die Zeugen, welche den Apparat haben brennen sehen, müssen getäuscht worden sein.
Der dritte Sachverständige, Geh. Rat Schmidt vom Reichspatentamt, stellt fest, daß bis jetzt Unruh kein Patent erteilt worden ist,
er hat nur ein französisches Patent,
das aber nicht mehr wert ist als ein deutsches Gebrauchsmuster.
Der Angeklagte suchte den Sachverständigen entgegenzutreten und sprach von neuen Gesetzen, die sein Apparat aufstelle.
Sachverständiger v. d. Bahlen hat den Apparat mehrfach brennen sehen und die Ueberzeugung gewonnen, daß keine äußere Zufuhr erfolge,
sondern daß die Lampen aus dem Innenraum gespeist werden.
Infolgedessen hat er für eine Gruppe die Option für Oesterreich für 100 000 Mark erworben.
Anfang 1920 habe ihm v. Unruh gestattet, Messungen vorzunehmen, und er habe festgestellt, dass der Apparat wesentlich mehr Energie herausgab,
als die Klingelbatterien einführten.
Deshalb habe er die Optionssumme an v. Unruh gezahlt.
Der Zeuge und Sachverständige schließt jede Täuschung aus.
Wenn er auch kein Elektrotechniker sei, so habe er genügend Vorkenntnisse, um das beurteilen zu können.In ähnlicher Weise äußerten sich noch verschiedene
andere Zeugen.

Die Verhandlung wurde schließlich auf Freitag vertagt.


Eben entdecke ich hier, dass der Sachverständige Romberg von "5000 Watt" gesprochen hat.
Auch reingefallen. Das wird dem Herrn v. Unruh nur recht gewesen sein.
Romberg erwähnt auch, dass Willy von Unruh sich vorher mit "Schaufensterreklame" beschäftigt habe. Ein sehr wichtiger Hinweis, wie ich fand.
Willy hat nicht als Schaufensterdekorateur gearbeitet, sondern als Teilhaber in einer Firma, die Leuchtreklamekästen hergestellt hat. Beleuchtet, natürlich.
Mir scheint da ein Licht aufgegangen zu sein. Dieses Thema kommt nach dem Prozess noch zur besonderen Behandlung.

Der Freitag, 24.05.1924, Verhandlungstag Nummer 6.
Etwas weiter unten geht es um die Patente, also Obacht.


Berliner Volkszeitung 24.05.1924

Der geheimnisvolle Stromerzeuger U.

Die Finanzierungsgeschäfte und die Dollarschecks Unruhs
 
Neben der Finanzierung seines Stromerzeugers hatte Unruh auch noch andere Finanzierungsgeschäfte gemacht und Dollarschecks in Höhe von 10 000 und 20 000 Dollars ausgegeben, die sich als gefälscht erwiesen.
Über die Zusammenhänge dieser Scheckfälschungen sagte gestern Kriminalkommissar Linnemann folgendes aus:
„Zuerst tauchte ein Scheck auf die „First National Bank of Chicago" auf.
Dieser Scheck war genau so ausgefertigt worden, wie die ein Jahr vorher von der ungarischen Scheckfälscherbande herausgegebenen Schecks.
Das Haupt dieser Bande war ein gewisser Goldschmidt, der in Berlin zu vieljährigen Zuchthausstrafen verurteilt ist und ein Landsmann namens Horvath,
der in Wien ebenfalls
eine siebenjährige schwere Kerkerstrafe verbüßt.
Es wurde bald festgestellt, daß zur Herstellung der Schecks über 10 000 und 20 000 Dollars die gleichen Platten mit den gleichen Fehlern benutzt waren.
Der Zeuge hatte nun in Erfahrung gebracht, daß von den 150 Exemplaren der Fälscherschecks, die die Ungarn besessen hatten, 50 Exemplare sich unbenutzt bei zwei Deutschen befanden, deren Namen und Person der Kriminalpolizei bekannt waren.
Es wurde auch bekannt, daß einer dieser beiden, ein süddeutscher Kaufmann, ein Bekannter von Unruh und Wille war.
Damit war bei den beiden Angeklagten der Vater der Idee gefunden.
Das Giro stammte von Wille. Garring ist ein angesehener amerikanischer Kaufmann, der mit der Sache nichts zu tun hat.

Vaughan und Dr. Ludwig existieren überhaupt nicht.

Als weiterer Zeuge wurde Patentanwalt Mintz vernommen.

Er hat den Apparat „U" zweimal funktionieren sehen, das letztemal zurzeit des Generalstreiks während des Kapp-Putsches.
Infolgedessen ist er von der Echtheit der Erfindung noch heute fest überzeugt. Eine Täuschung sei vollkommen ausgeschlossen, da er genau alles geprüft habe.
Vert.:
Geh. Rat Schmidt hat gestern gesagt, daß überhaupt keine Patentanmeldung
beim Reichspatentamt vorgelegen habe.
Zeuge:
Ich habe selbst Anfang 1920 die Patentanmeldung für den Stromerzeuger eingereicht
und persönlich mit Geh. Rat Erich Schmidt verhandelt.
Bei der Verhandlung ist auch die Vorführung des Apparates angeordnet worden, ob dies geschehen ist, weiß ich nicht.
Der Zeuge bekundet weiter, daß das Patent in 10 Ländern erteilt ist, u. a. in Schweden, Frankreich, Türkei, Portugal und Dänemark.
In Schweden sei die Prüfung ganz besonders streng. Wegen sachlicher Bedenken ist in keinem Lande die Zurückweisung erfolgt.
Der Zeuge hat auch außer diesem Patent noch ein Stacheldrahtpatent für Unruh angemeldet.

Der Angeklagte behaupte, daß dieser Stacheldraht in Verbindung mit seiner Erfindung stehe.

Der Zeuge Stande erklärte im Anschluß an diese Aussage, daß die an den Apparat angeschlossenen Lampen nach Belieben ein- und ausgeschaltet worden sind,
so daß die ausgeschalteten Lampen nicht brannten,
was bei einer elektrischen Fernleitung nicht hätte eintreten können.


Stacheldrahtpatent. Entweder hatte der Herr Mintz einen komischen Sprachfehler, oder es sollte mal wieder Tarnung sein?
Oder vielleicht doch auch noch dieses?
Zu Stacheldrähten gibt es erstaunlich viele Patente, ich fand aber keines von Unruh, was nichts besagt.
Aber zur Behandlung von Stahl gibt es ein altes Patent vom Willy, das hat Rudi im Coler Thread schon gebracht.

Ich habe eine englische Version angehängt, es heißt darin zumindest "Stahldraht".

GB000000158856A_1.pdf
(33.36 KiB) 12-mal heruntergeladen


Ein kurzer Artikel passt heute noch hinein, zum 7. Verhandlungstag am 25.05.1924:

Berliner Volkszeitung 25.05.1924  

Der „Trick“ des Stromerzeugers U

Der Angeklagte als Gentleman 

Bei der gestrigen Verhandlung gegen Unruh und Genossen erstreckte sich die Beweisaufnahme auf die Bankverbindungen Unruhs.
Die gefälschten Dollarschecks hat er verschiedenen Banken zum Inkasso gegeben, sich aber durchweg auf die einzuziehenden Summen Vorschüsse zahlen lassen. Nachdem die Fälschung aufgedeckt worden, hat Unruh in allen Fällen den Schaden gedeckt.
Ein Schneider aus München hat dem Angeklagten Anzüge und Pelze für 1 000 Dollars geliefert und einen Dollarscheck in Zahlung erhalten.
Später hat der Angeklagte im Vergleichswege 650 Dollar bar gezahlt und einige Anzüge zurückgegeben, wodurch der Schaden im wesentlichen gedeckt worden ist.
Der Angeklagte war übrigens während der ganzen Verhandlungsdauer täglich in einem anderen, elegant sitzenden, tadellos neuen Anzuge vor Gericht erschienen.

Es meldete sich dann als Zeuge der Ingenieur Noa, der angab, er habe an der Hand einer Abschrift der schwedischen Patentschrift über die Erfindung Unruh einen Apparat gebaut.
Der Zeuge versicherte dem Gericht, daß er in der Lage sei, den Apparat in seinem Laboratorium mit all den Wirkungen, die Unruh mit seinem Apparat hervorgerufen habe, also Lichtspenden, vorzuführen.
Das Resultat werde aber durch einen Trick erzielt. Die Kupferplatten in dem Apparat Unruhs seien ganz überflüssig und dienten seiner Ausfassung nach nur
zur Täuschung.
Das Gericht beschloss, sich in Noas Laboratorium den Trick vorführen zu lassen.
Am Montag fällt die Sitzung aus: Es ist damit zu rechnen, dass am Dienstag die Plaidoyers beginnen.



Damit und hiermit wird in der nächsten Folge das Rätsel gelöst werden.
Der Zeuge Noa wird Licht ins Dunkel bringen, die lange Suche wird ihr Ende finden.

Bis dahin mit einem schönen Gruß,
Ecki



Ecki
Beiträge: 21
Registriert: 23.06.2018, 20:58

26.07.2018, 18:57

Servus miteinander,

natürlich habe ich mich beeilt, gleich nach Feierabend des Rätsels Lösung zu präsentieren,
den Lokaltermin beim Zeugen und Ingenieur Noa, noch am gleichen Samstag nachmittag.

Berliner Volkszeitung 27.05.1924  

Der geheimnisvolle Stromerzeuger

Ein weiterer Lokaltermin 

Am Sonnabend nachmittag fand ein Lokaltermin in der Wohnung des Zeugen Noa statt.
Der Zeuge hatte in seiner Wohnung an Hand einer Abschrift einer Patentanmeldungdes Unruhschen Apparates ein Modell aufgebaut, an dem er die Wirkungen
des Unruhschen Apparates mit Hilfe eines Tricks hervorrief.
Der Trick bestand darin, daß er von der elektrischen Lichtleitung vor dem Passieren des Zählers eine geheime Leitung abgezweigt hatte und diese dann mit
dem Apparat verbunden.

Unruh und Kohler erklärten sogleich nach Betreten des Raumes, daß sie in einem dritten Drahtdie geheime Zuleitung erkennen.
Der Zeuge mußte zugeben, daß in diesem dritten Draht in der Tat die geheime Zuleitungenthalten sei.
Der Sachverständige, Geh. Rat Schmidt, betonte jedoch auf Befragen des Vorsitzenden, daß die von Noa getroffene Einrichtung geeignet sei, Laien zu täuschen
und daß man es hier
mit einem Trick zu tun habe, der Sachverständige irreführen könne.
Demgegenüber wiesen die Angeklagten daraufhin, daß die Untersuchung an ihrem Apparat ergeben habe, daß eine Zuleitung irgendwelcher Art nicht vorhanden sei, und dies schon daraus hervorgehe, daß der Apparat gerade zur Zeit des Lichtstreiks im Kapp-Putsch funktioniert habe.


Verstoße ich gegen die Regeln, wenn ich Herrn Noa als "Knallkopf" bezeichne?
Erst jagt er mir den Ruhepuls auf 120, mein einziger Gedanke war: "hoffentlich finde ich auch den nächsten Teil", Gottseidank gefunden,
und dann war das schon wieder alles, nun gut.

Wir kommen zum 8. Verhandlungstag am Dienstag, den 28.05.1924, der Prozess geht in die letzte Runde.
Von diesem Tag habe ich nur ein Original vom Berliner Tageblatt:


1924 05 28  Berliner Tageblatt.jpg
1924 05 28 Berliner Tageblatt.jpg (79.54 KiB) 482 mal betrachtet


Kurze Zusammenfassung:
Der Richter spricht dem Willy 3 Stunden lang ins Gewissen.
Die Staatsanwalt beantragt 7 Jahre Haft für Unruh und 9 Monate für Wilke wegen Beihilfe.
Die Anwälte wenden sich an die Milde des Gerichts.
Coler und Brinkmann können einen Freispruch wegen Unkenntnis erwarten.

Jetzt zum Tag der Urteilsverkündung am Mittwoch, den 29.05.1924:


Berliner Volkszeitung 29.05.1924 

Das Urteil im Unruh-Prozeß

Der Stromerzeuger beruht auf einem Schwindeltrick

Unruh zu 5 Jahren, Wilke zu 5 Monaten Gefängnis verurteilt,die beiden anderen Angeklagten freigesprochen

 
In dem aufsehenerregenden Prozeß gegen den „Erfinder“ des geheimnisvollen „Stromerzeugungsapparates U“ ist gestern das Urteil gefällt.
Die Angeklagten Coler und Brinkmann wurden freigesprochen.
Unruh erhielt wegen Betruges in fortgesetzter Handlung sowie wegen einiger einzelner Betrugsfälle und ferner wegen fortgesetzter schwerer Urkundenfälschung
in Tateinheit mit fortgesetztem versuchtem und vollendetem Betruge eine Gesamtstrafe von fünf Jahren Gefängnis unter Anrechnung von einem Jahr drei Monaten Untersuchungshaft.
Der Angeklagte Wilke wurde wegen fortgesetzter Beihilfe zur Urkundenfälschung zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt; jedoch wurde ihm für diese Strafe gegen Zahlung von 300 Goldmark Buße eine dreijährige Bewährungsfrist bewilligt.
Nach vielstündiger Beratung wurde gestern nachmittag das obenstehende Urteil verkündet.
Das Gericht war zur Ueberzeugung gekommen, daß der Stromerzeuger nichts weiter sei, als eine Atrappe.
Maßgebend für diese Ueberzeugung des Gerichts waren die Anordnung des Apparats, die Gutachten der Sachverständigen und ganz besonders das Verhalten
des Angeklagten.

Das Brennen sei zwar von einer Reihe an sich einwandfreier Zeugen bekundet worden, es könne sich aber nur um einen Trick gehandelt haben. Sachverständigenprüfungen habe sich der Angeklagte stets zu entziehen verstanden. Dies widerspreche der Erfinderpsyche.
Das Gericht habe sich daher auch nicht davon überzeugen können, daß Unruh in gutem Glauben an seine Erfindung gewesen sei.
Wenn er trotzdem zur Gründung der „Jevag" Reklame für seine Erfindung machte, in Potsdam Vorträge halten ließ und zahlreiche Personen zum Erwerb
der Anteilscheine veranlaßte,
so müsse das Gericht in diesem Verhalten einen Betrug erblicken.
Bei den Urkundenfälschungen handelte es sich um Dollarscheckfälschungen und Fälschung von Verträgen in ganz besonders großem Umfange.
Durch die Bekanntschaft des Angeklagten mit einem gewissen Ludwig Krumme, liegt der Verdacht von Beziehungen zu einer internationalen ungarischen Fälscherbande nahe.
Bei der Strafzumessung sei erwogen, dass der Angeklagte zweifellos eine Persönlichkeit ist, der nicht ganz die Sympathie zu versagen ist und dass er
ein Psychopath ist.

Dem Angeklagten war seine Erfindung über den Kopf gewachsen. So geriet er in Schulden und suchte ein Loch zu stopfen, indem er das andere öffnete.
Die Ereignisse waren stärker als er und rissen ihn von einem Vergehen zum andern fort. Er ist keine Verbrechernatur und gab sich der trügerischen Hoffnung hin, mit den Geldmitteln wieder alles gutzumachen. Daher hat das Gericht auch in seinem Verhalten keine ehrlose Gesinnung gefunden und ihm die bürgerlichen Ehrenrechte nicht abgesprochen.
Bezeichnend für den ihm innewohnenden Zug zur Großmannssucht ist die komisch wirkende und mitleiderregende Benutzung des Adelstitels.
Aus all diesen Gründen habe das Gericht Unruh mildernde Umstände bewilligt, um ihn vor dem Zuchthaus zu bewahren.
Andererseits aber mußte die Strafe eine recht schwere sein, denn der Angeklagte war ein Schädling im Wirtschaftsleben.
Den Betrug mit der „J e v a g“ und dem Stromerzeuger hat das Gericht als den milder liegenden Teil der Anklage angesehen.
Der Angeklagte Wilke hat sich von Unruh als Werkzeug bei den Fälschungen benutzen lassen und sich damit der Beihilfe schuldig gemacht.
Hinsichtlich der Angeklagten Coler und Brinkmann kam das Gericht zu der Ueberzeugung, daß sie gutgläubig gehandelt haben, denn sie seien heute noch überzeugt, daß es sich bei dem Stromerzeuger um eine wertvolle Erfindung auf realer Grundlage handelt. Daher waren beide freizusprechen.
Wilke erklärte sich mit dem Urteil zufrieden.
Unruh dagegen meldete Berufung an. Er will den Fall nochmals zur Nachprüfung vor die große Strafkammer bringen.
Unruh will gegen verschiedene Zeugen, die ungünstig gegen ihn ausgesagt haben, Strafantrag wegen Meineids und Verleitung zum Meineid stellen.


Zehn Tage waren veranschlagt, sie haben es in neun geschafft. Mehr habe ich zu dieser Verhandlung nicht.
Weiter geht's aber schon noch, im Januar 1925 startet der Berufungsprozess, es sind drei Tage, nur nicht am Stück.
Das könnten wir morgen schaffen.
Ich will jetzt in den Biergarten und wünsche Euch allen einen eben so schönen Abend,
Ecki











 
Ecki
Beiträge: 21
Registriert: 23.06.2018, 20:58

27.07.2018, 19:20

Hallo zusammen,

zuerst muß ich mich (freiwillig) wieder korrigieren:
Die Daten, die ich den Gerichtsterminen überschrieben habe, sind ja das Herausgabedatum der Zeitung. Das stimmt natürlich meist nicht überein.
Die Verhandlung fand normalerweise am Tag vorher statt. Man sollte mit einem Tag Fehler rechnen und kann im Zweifelsfall hier nachsehen:
http://www.hartwig-w.de/hartwig/kalende ... -33.htm#25

Ich kann die Zeit bis zum Januar 1925 überbrücken mit einem Kommentar, herausgegeben vom Berliner Tageblatt am 01.06.1924:


Berliner Tageblatt 01.06.1924
 
Elektrizizät aus Luft.
Die physikalische Attrappe.
Von Professor Montanegli.

 
In dem Prozeß um Unruhs Elektrisierapparat sollte ein Gericht entscheiden, ob tatsächlich, wie Herr v. Unruh und andere gutmütige Beobachter, darunter ausgerechnet Dr. v. Schrenck - Notzing, behaupten, aus Luft ohne anderweitige Kraftquellen Elektrizität gewonnen werden kann!
Das heißt nicht mehr und nicht weniger, als daß das Gesetz von der Erhaltung der Energie, dem sich alle Naturerscheinungen unterordnen, aufgehoben wäre.
Schon beim ersten Auftauchen dieser grotesken Nachricht hatte der Leipziger Ingenieur Professor Alfred Freund Bedenken geäußert, namentlich auch deshalb,
weil Unruh mit notariellen Urkunden seine Atomzerstäubung als elektrische Lichtquelle beweisen wollte.
In dem Prozeß haben ernsthafte Leute behauptet, Unruh habe tatsächlich Elektrizität aus Luft gewonnen - und Lampen zum Leuchten gebracht; man fragt sich, wozu bauen wir Laboratorien, wozu haben wir zahllose wissenschaftliche Vortragskurse und eine vorzügliche populärwissenschaftliche Literatur,
die ihre Leser über alle wirklichen wissenschaftlichen
Entdeckungen auf dem laufenden hält, wenn die bloße Tatsache, daß „während eines Elektrizitätsstreiks"
ein paar elektrische Lampen brannten - von anderer Seite wird auch das
noch bestritten - sogenannte „Gebildete" an das Vorliegen einer Entdeckung glauben läßt, die an Tragweite selbst in unserem verwöhnten Zeitalter ihresgleichen suchen würde.
Das „während des Elektrizitätsstreiks" ist beinahe das Interessanteste der ganzen Prozeßberichte!
Wenn ein Radfahrer fast ohne merkliche Mehranstrengung bei der Vorwärtsbewegungseines Rades eine kleine Dynamomaschine treiben kann, die zur Speisung
einer ziemlich hell
leuchtenden Lampe genügt, so wird es schließlich auch nicht ganz unmöglich sein, auch ohne einen neuen und unerhörten Apparat
„während des Elektrizitätsstreiks"
ein bißchen Strom zu erzeugen. Denn die Elektrizität kann ein halbwegs pfiffiger Erfinder durch viele Hintertürchen einschmuggeln.
Die Möglichkeit einer versteckten Zuleitung würde also noch nicht ohne weiteres widerlegt sein, wenn wirklich der Apparat, wie behauptet wurde, von einem Zimmer in ein anderes getragen wurde. Es bieten sich eben überall so manche Wege für das „Hintenherum".
Allerdings ging die Beweglichkeit des Apparates nicht soweit, daß man ihn in der Gerichtsverhandlung hätte vorführen können.
Aus dem Gutachten der Sachverständigen geht übrigens hervor, daß der Apparat durch eine elektrische Spannung „angeregt" werden mußte.
Diese kann durch Elemente oder Akkumulatoren hervorgerufen sein.
Schon in einer Größe von etwa 5 X 5 Zentimetern und 1-2 Zentimetern Dicke gibt es Akkumulatoren, die, wenn auch mit einigem inneren Widerstand,
eine Spannung von 2 Volt
erzeugen und zur Speisung einer Lampe ausreichen. Freilich ist diese Elektrizitätsquelle erheblich teurer, als die dem Leitungsnetz entnommene, wenn mal gerade das Werk nicht streikt.
Das gilt natürlich auch von allen Möglichkeiten, dem Apparate auf anderem, also drahtlosem Wege, Energie zuzuführen.
Daß an solchen Möglichkeiten beim heutigen Stand der Technik kein Mangel ist, weiß jeder.
Wie steht es mit der wissenschaftlichen Möglichkeit einer Erfindung wie der angeblich hiervorliegenden?
Daß das Gesetz von der Erhaltung der Energie, demzufolge keine Energie aus dem Nichts, „aus der Luft" herkommen kann, an der Spitze aller Naturgesetze steht, ist schließlich doch etwas ins allgemeine Bewußtsein, auch der nicht naturwissenschaftlich oder technisch Gebildeten,eingedrungen.
Nun liegt allerdings auch die Energie „in der Luft", es handelt sich nur darum, sie aufzufangen!
Die Luftelektrizität ist ja aufgeklärt, und wir wissen, daß die Spannungen zwischen verschiedenen Höhen, auch bei normaler Wetterlage, vom Gewitter
ganz zu schweigen,
keineswegs unbedeutend sind.
Aber zu ihrer Nutzbarmachung brauchte man doch große
Auffangvorrichtungen, und die Stromstärken, die aus diese Weise zu erhalten wären, wären recht gering. Von ganz anderer Mächtigkeit sind freilich die Energiequellen, die unsern heutigen Anschauungen zufolge, im Stoff selbst liegen.
Wenn wir hören,
daß jedes einzelne Atom, von denen Trillionen auf ein Gramm gehen, aus einem elektrisch positiven Kern besteht, um den elektrisch negative Teilchen, sogenannte „Elektronen" mit Geschwindigkeiten umlaufen, die nach vielen Tausendenvon Kilometern in der Sekunde zählen, ja bis zu 200 000 Kilometer ansteigen können, dann wird es uns nicht wundern, zu hören, daß nach modernen Anschauungen in einer Massevon einem Gramm soviel Energie enthalten ist, wie der Leistung eines Pferdes in 400 Jahren bei Tag und Nacht ununterbrochener Arbeit entspricht.
Ein Gramm Wasser, wenn man es wirklich aufbrauchen könnte, würde ausreichen, ein Schiff von Europa nach Amerika fahren zu lassen.
Aber was nützt diese Energie,
wenn man sie nicht nutzbar machen kann! Und wie wir alle wissen, ist der Stoff unzerstörbar, wir können ihn wohl in seine verschiedene Formen verwandeln, aber ihn nicht in die Energie, aus der er besteht, auflösen, ihn nicht zerstören! Wohl kennt die Wissenschaft in den radioaktiven Erscheinungen Vorgänge, in denen sich der Stoffselbst auflöst und dabei in Energie verwandelt. Aber diese Selbstauflösung läßt sich durch keinerlei bekannte Mittel herbeiführen oder verhindern.
Sie ist bisher wenigstens gänzlich unbeeinflußbar.


Mir gefällt der Satz: "Denn die Elektrizität kann ein halbwegs pfiffiger Erfinder durch viele Hintertürchen einschmuggeln."

Der Berufungsprozess war anscheinend schon einige Zeit am Laufen, ohne daß diesem viel Beachtung geschenkt wurde.
Zudem sind meine Funde ganz sicher nicht lückenlos. Jedenfalls war die Berufung von Vorteil für Willy von Unruh.
Am 08. 01.1925 kam dieser Bericht heraus:


Berliner Börsenzeitung 08.01.1925

Nochmals die geheimnisvollen U-Strahlen.
 
Mit der angeblichen Erfindung des Ingenieurs Willi Unruh,
der behauptet hat,
daß er Elektrizität aus der Luft erzeugen könne, hat sich nochmals das Gericht zu beschäftigen.
Wie erinnerlich, erregte der Betrugsprozeß erhebliches Aufsehen.
Unruh hatte sich als Freiherr v. Unruh ausgegeben und behauptete, daß ihm eine
epochemachende Erfindung gelungen sei, mit Hilfe eigenartiger Anlagen von Klingelbatterien, Elektrizität aus der Luft zu gewinnen.
Er hatte auch Leichtgläubige gefunden, die ihm zur Verwertung der Erfinduing reiche Kapitalien zur Verfügung gestellt hatten.

Bei Probevorführungen hatte der Apparat tatsächlich funktioniert und Licht gespendet.
Als dann aber die praktische Ausführung kommen sollte, war der Apparat regelmäßig in Unondnung geraten.
In dem Betrugsprozess waren zahlreiche Sachverständige vernommen worden.
Der Angeklagte wollte das Prinzip, auf dem seine Erfindung beruhe, nicht preisgeben.
Versuche, den Apparat wieder in Betrieb zu sehen, scheiterten daran, daß der Angeklagtebehauptete, im Gefängnis dazu außerstande zu sein.
Der Prozeß endete mit der Verurteilung des Angeklagten zu fünf Jahren Gefängnis, dem das Gericht auchnachwies, daß er unberechtigter Weise sich als
Freiherr v. Unruh
ausgegeben hatte.
Gegen dieses Urteil hatte der Angeklagte Berufung eingelegt und die neue Verhandlung, zu der wiederum Zeugen und Sachverständige aus allen Teilen Deutschlands geladen sind, begann gestern vor der Strafkammer des Landgerichts I unter Vorsitz von Landesgerichtsdirektor Dr. Langels.
Es wird sich nun zeigen, ob der Angeklagte angesichts der drohenden langjährigen Gefängnisstrafe sich bereit finden wird, falls er wirklich eine ernsthafte Erfindung gemacht bat, sein Geheimnis zu offenbaren.
Jedenfalls hat er im Gefängnis eine Schrift, die 96 Schreibmaschinenseiten umfaßt, über seine Erfindung fertiggestellt und bei Beginn
der Verhandlung
dem Gerichtshof überreicht.

Außerdem ist ihm Gelegenheit gegeben worden, im Gefängnis an seinem Apparat zu arbeiten, was er auch in der Zeit von acht Wochen getan hat.
Nach seiner Behauptung soll der Apparat,
wenn er auch noch einige kleine Mängel zeige, jetzt funktionieren.
Er blieb dabei, daß er eine ernsthafte Erfindung gemacht habe und daß es ein Irrtum des Vorderrichters gewesen sei, daß er bei den Beleuchtungsproben,
die früher stattgefunden hätten, sich einer künstlichen Zuleitung bedient habe.

Das Gerichtbeschloss im Laufe des gestrigen Nachmittags, eine informatorische Vorbesichtigungdes Apparates im Gefängnis vorzunehmen.
Die Verhandlung wird mehrere Wochen das Gericht in Anspruch nehmen.


Das ist, so finde ich, das Irritierende. Willy gibt nicht auf, keiner gibt auf.
Der nächste Bericht vom 20.01.1925; die Professoren Romberg und Scheering sind sehr skeptisch:


Berliner Börsenzeitung 20.01.1925  

Der geheimnisvolle Stromerzeuger „U“.

In dem Strafverfahren gegen den Ingenieur Unruh, der sich auch als Freiherr v. Unruh ausgegeben hat, sieht die die Strafkammer des Landgerichts I
seit mehreren Wochen beschäftigende
Berufungsverhandlung wegen Betruges und Urkundenfälschung nunmehr ihrem Ende entgegen.
Gestern wurden die Sachverständigen vernommen, unter ihnen Geh. Rat Bromberg und Professor Scheering.
Sämtliche Sachverständigen stellten fest, daß der Apparat trotz aller Verheißungen des Angeklagten, bisher noch niemals zum Brennen gebracht worden sei,
so daß der Angeklagte den Beweis schuldig
geblieben sei, daß es sich um eine ernste Erfindung gehandelt habe.
Die Sachverständigen bezeichneten alle Andeutungen des Angeklagten als reine Phantasieprodukte.
Was er erfunden haben wolle, widerspreche dem Gesetz über die Erhaltung der Energie, auf dem alle unsere naturwissenschaftliche Kenntnis beruht.
Das Urteil wird voraussichtlich Mittwoch gefällt werden.


Tags darauf:

Berliner Tageblatt 21.01.1925

Um den „Stromerzeuger U".

Vier Jahre drei Monale Gefängnis für Unruh. 

Der Unruh - Prozeß fand heute seinen Abschluß.
Die Sitzung in der seit Wochen laufenden Verhandlung vor der Berufungsinstanz brachte, nachdem in den letzten Tagen bereits Plaidoyers gehalten waren,
nur einige kurze Ausführungen des Staatsanwalts und des Verteidigers.
Nach langer Beratung wurde folgendes Urteil verkündet:
Der Angeklagte wird in zwei Fällen wegen Betruges freigesprochen;

im übrigen wird seine Berufung verworfen, die fünfjährige Gefängnisstrafe der ersten Instanz jedoch auf vier Jahre drei Monate Gefängnis herabgesetzt,
wovon ein Jahr neun Monate als durch die Untersuchungshaft verbüßt gelten.
Wie der Vorsitzende in der Urteilsbegründung ausführte, hat der Angeklagte nicht den Nachweis erbracht, daß der Apparat mehr Strom abgebe,
als ihm zugeführt wurde.

Diesen Nachweis habe der Angeklagte jedoch auch nicht zu führen gehabt, sondern man müsse ihm den Betrug nachweisen.
Auf Grund der Hauptverhandlung stehe fest, daß Unruh seit 1912 mit der Propaganda für den Apparat weit über das Maß des Erlaubten hinausging, um zahllose Gutgläubige in seine goldene Falle, die Handelsgesellschaft „Jewak" hineinzulocken.
Das Gericht stellte im übrigen nicht fest, daß der Apparat tatsächlich nur Schwindel gewesen ist.
Diese Frage des ganzen Prozesses bleibt also noch offen.



...Und das wird sie noch lange bleiben.

Morgen (oder übermorgen) möchte aus der Zeit von 1911 bis 1920 einige Funde präsentieren, die Zeit der "Schaufensterreklame"...
Zwei Kleinmeldungen bis 1932 gibt es vorher auch noch.
Hier aber vorher noch ein quasi threadübergreifendes Schmankerl hin zum Coler Thread, vom Mai 1925:

Hamburger Nachrichten 16.05.1925  

Unruhs Stromerzeuger kein Schwindel ? 
S. Berlin, den 16. Mai.
 
Wie erinnerlich sein wird, hat vor einigen Monaten ein Prozeß großes Aufsehen erregt,in dem die Frage zu klären war, ob der Erfinder Wilhelm von Unruh,
der eine neue Stromerzeugungsmaschine konstruiert haben wollte, ein Schwindler sei oder nicht.
Der Prozeß endete mit der Niederlage Unruhs.
Nun ist es tatsächlich gelungen, den Stromerzeuger in mehreren Exemplaren nach den Plänendes Erfinders herzustellen und zum Arbeiten zu bringen.
Einmal soll Unruh im Gefängnis selbst einen neuen Apparat hergestellt haben,
dann soll es einem Bruder gelungen sein und schliesslich seinem wissenschaftlichen Mitarbeiter
ebenfalls, neue Apparate zu bauen.

Hierzu wird weiter gemeldet, daß jetzt ein Gnadengesuch für von Unruh eingereicht worden ist.


Schönen Gruß,
Ecki











 
Ecki
Beiträge: 21
Registriert: 23.06.2018, 20:58

30.07.2018, 22:52

Servus,

ich möchte zwecks Überleitung in die elektrotechnische Vergangenheit, also ab 1911, vorab zwei Meldungen "einwerfen", bis 1932, dann geht's zurück.
Die erste gehört ja eigentlich zu Hans Coler, er ist diesmal selbst verantworlich.

Hamburger Nachrichten 10.07.1928

Ein Erfinderschicksal.


Wieder der Stromerzeuger U. vor Gericht.

Nach mehrtägiger Verhandlung ging ein Strafprozeß gegen den Hauptmann a. D. und Ingenieur Hans Coler zu Ende, in dem wieder einmal der Stromerzeuger U.
eine Hauptrolle spielte.

Bekanntlich war diese angebliche Erfindung der Stromerzeugung aus der Luft unter Ausnutzungmagnetischer Kräfte schon vor einigen Jahren in dem Betrugsprozess gegen dessen Erfinder Willi „von" Unruh Gegenstand eines mehrwöchigen Betrugsprozesses und endete mit derVerurteilung Unruhs, der sich unberechtigterweise den Adel zugelegt hatte,wegen Scheckfälschungen zu mehrjähriger Gefängnisstrafe.
Über den Wert des Stromerzeugers U. fand eine eingehende Beweiserhebung statt, und die Sachverständigen wollten an den Wert der Erfindung nicht glauben. Dieser Stromerzeuger U. oder auch Stromverstärker genannt, war auch von dem jetzigen Angeklagten, der mit Unruh zusammengearbeitet hatte, später,
als Unruh schon im Gefängnis sass,
selbständig zu einer neuen Erfindung gestaltet worden.
Für die Erfindung Unruhs selbst hatte sich ein Syndikat „N e o e n e r g i e" gebildet, dem ein Berliner Rechtsanwalt, ein Herr v. Bethmann-Hollweg und ein
Baron von Canighen
angehörten. Die Verwertung wurde aber durch die Verhaftung des Erfinders „von" Unruh in Frage gestellt.
Inzwischen war Coler mit seiner eigenen Erfindung nach dem System Unruh hervorgetreten, und es war ebenfalls eine Verwertungsgesellschaft gebildet worden, der dieselben Personenwie bei der Neoenergie angehörten.
Dem Erfinder Coler waren 25 000 RM. zur Verfügung gestellt worden, er erhielt aber von dem Gelde nichts, weil das Syndikat die Summe für den verhafteten
Willi Unruh und für dessen
Unternehmen verwendete. Es wurden dann beide Syndikate unter dem Namen Neoenergie verbunden, und man verstand es,
namhafte wie den Großindustriellen Minoux mit Hilfe
verschiedener Gutachten zu interessieren.
Auch eine holländische Bankgruppe nahm sich der Sache an und der Reichsregierung wurde die Verwertung des „Stromverstärkers" für 300 Millionen Goldmark angeboten.
Die Verhandlungen sollen auch so weit gediehen gewesen sein, daß das Syndikat beinahe einen Vorschuß von 5 Millionen RM. ausgezahlt erhalten hätte.
Jedoch wurden vorher detaillierte Gutachten verlangt.
Nun setzte die Straffälligkeit des jetzigen Angeklagten ein.
Er brachte zwei Gutachten bei von einem Patentanwalt und einem Professor, der aber nicht existiert hat.
Zuerst sollte dieser letztere in Marburg leben, dann in Freiberg i. S., dann in Norwegenund schließlich hieß es, er sei tot.
Beide Gutachten hatte der Angeklagte selbst angefertigt.
Rechtsanwalt Arthur Schulz verwies darauf, daß der Angeklagte die Fälschungen nicht in betrügerischer Absicht begangen habe, sondern in der ehrlichen inneren Überzeugung von dem Wert seiner Erfindung diese nur populär gestalten wollte.
Das Gericht berücksichtigte außer diesem Gesichtspunkt auch, daß der Angeklagte von seiner Finanzgruppe immer wieder gedrängt worden sei,
Gutachten beizubringen, damit der Abschluß
mit der Reichsregierung endlich zustande komme.
Es wurde nur eine Urkundenfälschung angenommen und der Angeklagte zu 150 RM Geldstrafe verurteilt.


Und dann hat es den Willy von Unruh 1932 nochmal erwischt, die Zeiten waren natürlich auch nicht gut...
Es kann aber eigentlich nicht die Verurteilung gewesen sein, die nach Hameln führte. Es waren ja "nur" 6 Monate.
Aber doch irgendwie seltsam.
Damit ist bis jetzt das Ende meines "Unruh-Horizonts" erreicht.

Wünsche einen schönen Abend oder Tag,
Ecki

Altonaer Nachrichten Hamburger neueste Zeitung 19.01.1932  

Betrügereien des „Erfinders“

Wegen fortgesetzten Betruges hatte sich der 1890 in Stralsund geborene Ingenieur Willi Unruh, der unberechtigterweise ein „von“ vor seinen Namen setzt,
vor dem Schöffengericht
Berlin-Mitte zu verantworten.
Unruh hat vor Jahren viel von sich reden gemacht, weil er beauptete, einen „Stromerzeuger U“entdeckt zu haben, mit dessen Hilfe er Elektrizität aus der Luft gewinnen könne.
Er hatte von vielen Leuten Geld für die Auswertung seiner Erfindung erhalten, aber diese „Erfindung“ brachte ihm schliesslich im Jahre 1925 vier Jahre Gefängnis ein.
Jetzt hat Unruh eine neue „Erfindung“ gemacht, nämlich einen gefälschten Brief des Ministers des Innern, nach welchem ihm ein Schadensersatzanspruch von
300 000 RM
durch den preußischen Staat zugebilligt sein sollte. Von verschiedenen Leuten hatte er daraufhin kleinere Darlehen erhalten, und es waren ihm noch höhere Beträge in Aussicht gestellt worden.
Vor Gericht behauptete Unruh, dass er nur eine Abschrift gezeigt habe und dass er diese Abschrift von seinem Anwalt, Dr. Neumond, zwei Tage bevor
Dr. Neumond den Freitod wählte,
erhalten habe.
Das Original müsse bei der Nachlassregelung verloren gegangen sein.
Um seine Behauptung über die Auszahlung der Schadensersatzsumme noch besonders glaubhaft zu machen, hatte Unruh in Gegenwart seiner Interessenten
fingierte Ferngespräche mit einem
Oberregierungsrat im Ministerium geführt.
Er gab zu, dass diese Gespräche fingiert gewesen seien, behauptete aber, dass das aus besonderen Umständen geschehen sei.
Er hatte nämlich Arthur Keil versprochen, dessen Wettkonzern-Unternehmen mit einigen 100 000 Mark zu finanzieren.
Da das Geld nicht kam, sei Keil ungeduldig geworden und habe selbst zum Ministeriumgehen wollen.
Es sei ihm aber peinlich gewesen, dass man aus diese Weise erfahren würde, dass er sich miteiner so zweifelhaften Persönlichkeit in Geschäfte eingelassen habe, deshalb habe er, um Keil zu beruhigen, die Gespräche fingiert.
Das Schöffengericht verurteilte den „Erfinder“ wegen Betruges zu sechs Monaten Gefängnis.




 
Ecki
Beiträge: 21
Registriert: 23.06.2018, 20:58

02.08.2018, 23:03

Hallo zusammen,

jetzt, wo der Glaube an den Erfinder bzw. die Erfindung ziemlich zerstört ist, werde ich versuchen, diesen wieder etwas aufzubauen.
Nachfolgend kommen einige Funde aus der Zeit ab 1911.
Damals sind zwei Anzeigen in zwei verschiedenen Zeitungen erschienen, noch ohne Willy Unruh oder einem Firmennamen.
Man suchte lediglich Vertreter für Lichtreklame mit integriertem Stromerzeuger. :shock:


Hamburger Nachrichten, 26.05.1911

1911 06 25  Hamburger Nachrichten.jpg
1911 06 25 Hamburger Nachrichten.jpg (44.15 KiB) 269 mal betrachtet


Berliner Tageblatt, 21.07.1911

1911 07 21  Berliner Tageblatt.jpg
1911 07 21 Berliner Tageblatt.jpg (46.18 KiB) 269 mal betrachtet


Zur Erinnerung die Aussage des Sachverständigen Dr. Romberg über Willy von Unruh:
"Er mag aus seiner früheren Tätigkeit, der Schaufensterreklame, die Anregung bekommen haben, etwas zu suchen."

Es wurden aber zu dieser Zeit diverse Stromquellen als "Stromerzeuger" bezeichnet.
1913 wurde dann eine Firma in das Handelsregister eingetragen, die sehr wahrscheinlich mit den ominösen Anzeigen in Verbindung steht.

Berliner Börsenzeitung, 01.09.1913

1913 09 01  Berliner Börsenzeitung.jpg
1913 09 01 Berliner Börsenzeitung.jpg (88.44 KiB) 269 mal betrachtet


Ich konnte aus dem Amtsdeutsch nicht interpretieren, wer an wen diesen Gebrauchsmusterschutz übertragen hat, vielleicht kann mir hier jemand kurz helfen.
Hat dieser Alfred Kohn ein Schutzrecht an Willy von Unruh verkauft?
Wenn ja, war es das, was der Zeuge v. Bethmann-Hollweg mit seiner Aussage meinte:
"Der eigentliche Erfinder sei wohl ein früherer Mitarbeiter Unruhs, der im Kriege gefallen sei."

Zu diesem Alfred Kohn konnte ich bisher gar nichts Spezielles finden.  "HAPIKO" setzt sich wohl zusammen aus Hahndorff, Pi (?) und Kohn.


Zwischendurch ein "normales" Inserat vom Willy:

1913 12 21  Berliner Tageblatt.jpg
1913 12 21 Berliner Tageblatt.jpg (25.42 KiB) 269 mal betrachtet


1914 geht es weiter mit der Firma HAPIKO:

1914 04 11  Berliner Börsenzeitung.jpg
1914 04 11 Berliner Börsenzeitung.jpg (20.16 KiB) 269 mal betrachtet



1915 kommt die Hammermeldung, die alles über den Haufen wirft, bitte festhalten:


1915 06 02  Friedenauer Lokal-Anzeiger.jpg
1915 06 02 Friedenauer Lokal-Anzeiger.jpg (110.73 KiB) 269 mal betrachtet


Dazu fand ich weiter nichts.
Habe dafür keine Erklärung, außer dass es sich um eine Falschmeldung handeln muss; zumindest, was die Todesfolge betrifft.
Einige Wochen später hat Willy Unruh schon wieder einen Eintrag im Handelsregister, also konnte er weitermachen.

Aber vielleicht hat eine sehr schwere Gehirnerschütterung die Veränderungen an seiner Persönlichkeit hervorgerufen,
die dem Psychologen v. Schrenck-Notzing auffielen?
Und vielleicht hat er dadurch "Den Faden seiner Erfindung verloren", wie der Zeuge v. Bethmann-Hollweg glaubte ?
Diese Gedanken dazu sind irgendwie über mich gekommen...

Bis demnächst und schönen Gruß,
Ecki






 
Ecki
Beiträge: 21
Registriert: 23.06.2018, 20:58

05.08.2018, 15:50

Servus miteinander,

Willy von Unruh scheint überlebt zu haben, denn im August 1915 findet sich ein neuer Eintrag im Handelsregister.
Anfang des letzten Jahrhunderts war Lichtreklame groß im kommen, nach dem Ausbruch des ersten Weltkrieges wurde Leuchtwerbung verboten.
Schlecht für die Firma Hapiko. Scheinbar mussten alternative Wege gesucht werden?

Beim Lesen dieser Meldung aus der Berliner Börsenzeitung wurde mein Puls wieder mal etwas schneller:

Berliner Börsenzeitung 07.08.1915

In das Handelsregister B des Unterzeichneten Gerichts ist heute eingetragen worden:
No. 13792. Deutsche Elektro-Zentral-Gesellschaft mit beschränkter Haftung.

Sitz: Berlin Amtsgerichtsbezirk Berlin-Mitte.
Gegenstand des Unternehmens: Die Ausnutzung der drei Erfindungen: 

1) Vorrichtung zur Konzentration elektrischer Wellen (D. R. P. angemeldet und Gebrauchsmuster angemeldet),

2) Stromerzeuger (D. R. P. angemeldet No. 5101 - VIII und D. R. G. M. No. 591045 vom 20. Februar 1914),

3) Vorrichtung zur gleichzeitigen Benutzung einer Telephonleitung durch mehr als 2 Gespräche und deren Nutzbarmachung für die Landesverteidigung
   (D. R. P. angemeldet).


Das Stammkapital beträgt 100 000 Mark.
Geschäftsführer: Dr. jur. Erich Wiethaus in Berlin-Wilmersdorf, Zivilingenieur Willy Unruh in Berlin-Schöneberg.

Die Gesellschaft ist eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung.
Der Gesellschaftsvertrag ist am 8., 13./21., 27., 28., 31. Juli 1915 abgeschlossen.

Als nicht eingetragen wird veröffentlicht:
Als Einlage auf das Stammkapital wird in die Gesellschaft eingebracht von den Gesellschaftern Zivilingenieur Willy Unruh in Berlin-Schöneberg,
Kaufmann Hermann Weber in Berlin-Friedenau je 2 / 5,
und Rittergutsbesitzer Constanz von Jaraczewski in Elkinehlen Kreis Darkehmen,1/5 Anteil an den Erfindungen:

1) Vorrichtung zur Konzentration elektrischer Wellen(D.R. P. angemeldet und Gebrauchsmuster angemeldet),
2) Stromerzeuger(D. R. P. angemeldet No.5101 - VIII und D. R. G. M. No. 591045 vom 20. Februar 1914)
3) Vorrichtung zur gleichzeitigen Benutzung einer Telephonleitung durch mehr als 2 Gespräche(D. R. P. angemeldet)
zum vereinbarten Werte von zwei mal 20 000 M und einmal 10 000 M unter Anrechnungdieser Beträge auf ihre Stammeinlagen.

Oeffentliche Bekanntmachungen der Gesellschatt erfolgen nur durch den Deutschen Reichsanzeiger.


Wünsche frohes Suchen im Internet nach den Nummern dieser Rechte, ich hatte da keinen Erfolg.
Eine Anfrage beim Deutschen Patentamt ergab, daß man für die Recherche nach so alten Rechten selbst das Archiv besuchen muß; besser gesagt, besuchen darf. :P
Sobald ich dort gewesen bin, werde ich hier berichten...

Hapiko existierte trotzdem parallel weiter, wie diese kleine Meldung vom Februar 1916 bestätigt:


1916 02 02  Berliner Börsenzeitung.jpg
1916 02 02 Berliner Börsenzeitung.jpg (18.17 KiB) 223 mal betrachtet


Bis 1919 habe ich keine weiteren Zeitungsmeldungen.

Im Mai 1919 sind Willy Unruh und sein Kompagnon aus der "Elektro-Zentral-Gesellschaft" ausgestiegen.
Danach hat zumindest Willy Unruh die "Jevag" gegründet, wiederum später wurde scheinbar das "Neo-Energie-Syndikat" daraus.

Berliner Börsenzeitung 13.05.1919 
 
Elektro-Gesellschaft mit beschränkter Haftung:

Dr. jur. Erich Wiethaus und Zivilingenieur Willy Unruh sind nicht mehr Geschäftsführer.
Kaufmann Richard Koller in Berlin-Friedenau ist zum Geschäftsführer bestellt.
In Charlottenburg ist eine Zweigniederlassung errichtet. 


Und hier die letzte Zeitungsanzeige aus meiner Sammlung:

Ende Februar 1920 hat es mal wieder gebrannt, diesmal aber anders.
Kupferbleche für den großen Apparat mussten dringend her, die grandiose Vorstellung vor Presse und Wissenschaft stand vor der Tür.


1920 02 28  Berliner Tageblatt.jpg
1920 02 28 Berliner Tageblatt.jpg (11.33 KiB) 223 mal betrachtet


Über die angesprochene Vorführung im November oder Dezember 1920 konnte ich in der "European Library" seltsamerweise nichts finden.
Hierzu findet man einiges in amerikanischen oder englischen Zeitungsarchiven.
Es lief immer auf das Gleiche hinaus: Die Präsentation war ein grosser Erfolg, Willy war anschliessend untergetaucht und Zweifel wurden laut.
Daß er wirklich kurz darauf schon im Gefängnis saß, halte ich jetzt für eher unwahrscheinlich; der Erfinder wollte oder sollte ja das Gutachten von der
Physikalisch-Technischen Reichsanstalt erbringen, welches mit Spannung erwartet wurde.

Im nächsten Beitrag möchte ich gerne ein paar meiner letzten Ideen einstellen zu dem "grossen Klingelapparat", der mit "Klingelbatterien" gespeist wird
und damit ewig "brennt".
Oder der zumindest für eine Nacht Lichtreklame ohne Stromanschluss ermöglicht haben soll.

Schönen Gruß,
Ecki






 
Ecki
Beiträge: 21
Registriert: 23.06.2018, 20:58

08.08.2018, 20:27

Guten Abend,

kleine Änderung im Ablauf:

ich wurde auf die "New York Times" verwiesen, deren Artikel verkündet, Willy von Unruh sei schon Anfang 1921 inhaftiert worden.
Näheres zu den Überlegungen findet man im Diskussions-Thread
(Falls der Link nicht trifft, bitte etwas nach unten kurbeln)
Ich bin darauf in mich gegangen und habe nochmals in der "European Library" gesucht und bin nochmals fündig geworden.
Ein auch technisch interessanter Kommentar von einem Herrn "Dr. phil. A. N." im Berliner Tageblatt vom 21.07.1921.
Der Mann hatte von Physik offenbar Ahnung:

Berliner Tageblatt 21.07.1921

Der Atomzertrümmerer. 

Die von selbst aufleuchtende Glühlampe.

Halbamtliche Lobreden. - Getäuschte Erwartungen.

Das Problem der Energieerzeugung durch Atomzertrümmerung ist in Nr. 346 des „Berliner Tageblatts" vom 25. Juli vorigen Jahres ausführlich besprochen worden. Die physikalischen Grundlagen dieses Problems sind einerseits die merkwürdige Eigenschaft der Radiumsalze, scheinbar unaufhörlich und in unerschöpflicher MengeLicht und Wärme abzugeben, andererseits der von dem englischen Chemiker Rutherford erbrachte Nachweis, dass die Atome des Stickstoffs unter der Einwirkung eines kräftigenParallelstrahlenbündels
von Alphastrahlen in Wasserstoff- und Heliumatome zersplittern.

Als Quelle der anhaltenden Energieabgabe des Radiums nimmt die Physik den freiwilligen Zerfall seiner Atome an, die sich innerhalb eines sehr langen Zeitraums, unter steter Aussendung von drei verschiedenen Strahlenarten, durch eine Reihe von Zwischenstufen hindurch letzten Endes in Bleiatome verwandeln.
Ebenso wie der freiwillige Zerfall radioaktiver Elemente müsste aber auch die gewaltsame Sprengung irgendwelcher Atome große Energiemengen in Freiheit setzen.
Dies legt den Gedanken nahe, dass es einmal gelingen könnte, künstlich die Energieabgabe radioaktiver Elemente zu beschleunigen
und dadurch bei raschem Ablauf ungeheuer intensiv
zu gestalten oder aber, dass die Rutherfordschen Zersplitterungsexperimente am Anfang eines Weges ständen, der zur direkten Verwandlung von Masse in nutzbare Energie geleitet.
Die Mitteilungen Rutherfords, die Gutachten großer Physiker, die das „Berliner Tageblatt" zu diesem Gegenstande sammelte,
regten die Ingenieurwelt zu Versuchen an, diese Atomzertrümmerung zu versuchen.
Alle Versuche aber mißlangen.

Umso überraschender musste es anmuten, als kurze Zeit nach Erscheinen des vorhin erwähnten Artikels, in einem halbamtlichen
Berliner Blatte in sensationellster Form die Mitteilung erschien,
es sei einem deutschen Ingenieur, Willy von U n r u h gelungen,
das Problem der
Energiegewinnung durch Atomzertrümmerung in technisch vollkommen brauchbarer Formzu lösen und nach zweijähriger Arbeit einen Apparat zu bauen, der eine Kraftquelle vonungeahnter Leistungsfähigkeit darstelle und die Rettung Deutschlands aus sämtlichen Nöten, besonders aber aus der Kohlennot, gewährleiste.
Der Artikel, dem Unterredungen mit dem Erfinder selbst zugrunde lagen, verhieß wahre Wunderdinge. Bei einer Dauerleistung
von 10 Kilowatt, sollte sich der Preis der Kilowattstunde
mit 1 / 50 Pfennig stellen (gegenüber dem jetzigen von 350—460 Pfennigen),
was angesichts des angegebenen Jahresverbrauches von 50 Milliarden Kilowattstunden eine allerdings nicht ganz unerhebliche Ersparnis bedeuten würde!
Die Vorrichtung sei während des Kapp - Putsches, also zur Zeit eines Elektrizitätsstreiks, den Vertretern eines großen Konzerns der elektrischen Industrie gezeigt worden und es habe außerdem noch ein Justizrat und Notar bescheinigt, daß der Wunderapparat selbst eine Fünfzigkerzenlampe, die mit 220 Volt Spannung brannte, gespeist habe, und daß keine andere Stromzuführung vorhanden gewesen sei.
Der Apparat konnte aber noch mehr:
Er vermochte fünf Tausendkerzenlampen mit Strom zu versehen.
Diese Veröffentlichung der Erfindung, die patentrechtlich von einem Professor Krausevertreten wurde, machte erhebliches Aufsehen und wurde in weitesten Kreisen, besonders aber von der englischen und besonders der amerikanischen Presse mitgrößter Spannung verfolgt. Zum Schluß sagte man, daß in der Verwaltung einer Provinzialstadt, die über das Projekt einer Lichtanlage beriet,
Widerspruch laut wurde mit der Begründung,
dass ja doch die Unruh'sche Erfindung die ganze Anlage demnächst überflüssig mache
und jeder sehr bald seine kleine Privatzentrale im eigenen Hause besitzen werde.
In volkstümlichen Vorträgen wird inzwischen die „Atomzertrümmerung" v. Unruhs immer weiter als wissenschaftliche Großtat und als einwandfrei feststehendes Factum ausgeschrien.

Gläubige finden sich auf solchem Boden leicht, da das „Wissenschaftliche" und Unerklärlicheeine starke Lockung ist.
Und Unerklärliches ist reichlich vorhanden!
Die Vorrichtung wurde tatsächlich hervorragenden Leuten, nämlich leitenden Ingenieurengroßer Industrieunternehmungen gezeigt.
Sie sahen aber nichts als einen Holzkasten, in dem die geheimnisvolle Energiequelleverborgen war und eine daran angeschlossene
Birne, die brannte.

Alles aber mit dem dichten Schleier des Geheimnisvollen verhüllt, der durch Rücksichten aus patentrechtlichen Interessen gerechtfertigt wurde.
Das Patent wurde auch nachgesucht, aber bei Prüfung des Apparats durch die physikalisch-technische Reichsanstalt versagte er vollständig: die Lampe wollte und wollte nicht brennen.
Angeblich waren die Schwachstrombatterien zur Erzeugung der vom Erfinder so benannten „Reizströme", durch welchen die mystische Energieentwicklung ausgelöst werden soll, nicht richtig abgestimmt.
Es wurden statt ihrer Akkumulatoren zur Verfügung gestellt; aber die Lampe brannte auch diesmal nicht.
Und wenn man nur einen flüchtigen Blick auf die erläuternde Zeichnung wirft, ist man davon kaum überrascht.
Sofern diese Zeichnung das Prinzip der tatsächlichen Anordnung wiedergibt, ist sie sicherlich
kein Schlüssel zu dem Rätsel,
dass bei privaten Vorführungen die Lampe leuchtete.
 
Die Zeichnung ergibt zunächst, dass die ganze Angelegenheit auch nicht die entfernteste Beziehung zu der so heftig ausgeschrienen „Atomzertrümmerung" hat, die ihr offenbar nur als Reklame dienen sollte.
Man sieht zwei Schwachstrombatterieen, die mit einem System horizontal angeordneter Kupferplatten in Verbindung stehen;
das Ganze in einer zwar sehr komplizierten,
aber völlig sinnlosen Schaltung, der zufolge das Auftreten einer Spannung von 220 Volt
an jener Stelle des Stromkreises, wo die Glühlampe eingeschaltet werden soll, sofort die gänzliche Zerstörung von mindestens einer
der Schwachstrombatterien bewirken müßte.

Von irgendeiner Substanz, deren Atome zertrümmert werden sollte, ist keine Rede;
von irgend einem Prinzip, das auch nur losen Zusammenhang mit dem Problem der Atomaufspaltung hätte, ebenso wenig.

So wird denn Deutschland darauf verzichten müssen, so, wie es ihm verheißen war, durch diese Wissenschaft „gerettet" zu werden.
Sie stützt sich auf die Zeitkrankheit, auf die hysterische Zersplitterung der Urteilsfähigkeit, nicht auf die der Atome.
Wie erklärt man es aber, daß eine halbamtliche Veröffentlichung für den Atomzertrümmerer Reklame machte und warum entschloß sich das Reichsamt des Innern so spät,
gegen eine Erfindung anzutreten, von der es vorher geheißen hatte, sie sei eine nationale Tat,
und würde zur ökonomischen Befreiung Deutschlands beitragen!


Dr. phil. A. N.   


Diesem Herrn lag also interessanterweise der "Schaltplan" zum Stromerzeuger vor.
Der wird so ähnlich ausgesehen haben, wie im Norrby-Patent.
Da würde zumindest die Batterie des Plattenkreises auch hochgehen, wenn die Birne mit 220V (und 50Hz ?) "brennt".

Ich hoffe doch, dass ich die vereinfachte und ergänzte Zeichnung zum Norrby-Patent von Rudi Wanninger hier einstellen darf?  8-)

Schaltung Minimal.JPG
Schaltung Minimal.JPG (39.59 KiB) 151 mal betrachtet


Es gab jedoch anscheinend zwei Schaltungsvariationen des Stromerzeugers:
Eine zur "Stromvermehrung", vermutlich irgendwie parallel geschaltet,
und eine zur Spannungserhöhung, dann wohl Reihenschaltung der einzelnen "Etagen".
Die Weisheit habe ich aus dem Coler Thread, ich weiß nur leider nicht mehr die Stelle.

Aber auch in diesem Kommentar gibt es keinen Hinweis darauf, dass Willy von Unruh inhaftiert worden wäre.
Vielleicht findet sich dazu später nochmal etwas...

Wenn nichts mehr dazwischenkommt, drohen in der nächsten Folge (kurz!) meine Gedankengänge zu det Janzen...

Schönen Gruß,
Ecki











 
Ecki
Beiträge: 21
Registriert: 23.06.2018, 20:58

11.08.2018, 09:39

Hallo,
ein kurzer Einwurf, bevor ich Ärger kriege: "Dr. phil. A. N." könnte auch eine Frau Dr. gewesen sein.
Ein Hinweis auf die zwei Variationen des Stromerzeugers findet sich hier.

Ecki
Ecki
Beiträge: 21
Registriert: 23.06.2018, 20:58

13.08.2018, 20:43

Schönen Abend zusammen,

als ich mir überlegt habe, wie denn 1911 eine elektrische Lichtreklame in einem Kasten die Nacht über ohne Stromanschluss zu beleuchten wäre,
hatte ich so die Idee: "Neonröhre mit Hochspannungsinduktor", weil eine normale Glühlampe mit Akkubetrieb nicht sehr ergiebig gewesen wäre.
Ich musste im Internet nach Entladungslampe in Verbindung mit Ruhmkorff-Induktor nicht lange suchen.
Sofort findet man unter dieser Adresse die interessante Geschichte von der Ruhmkorff-Lampe, bekannt geworden durch Jules Verne:
http://www.j-verne.de/verne_technik01_1.html

Hier eine Zeichnung daraus:


AF_Aufbau_Rumkorffleuchte.jpg
AF_Aufbau_Rumkorffleuchte.jpg (60.25 KiB) 70 mal betrachtet


Wobei nicht ganz richtig ist, daß Ruhmkorff alleine die Lampe entwickelt hat, sondern eben seinen Funkeninduktor.
1862 wurde daraus diese Grubenlampe mit Geissler-Röhre entwickelt, und sie soll 10 Stunden Licht gespendet haben.
Siehe Näheres im dazu verlinkten Artikel.

Der Schalter oder Unterbrecher, der diese hohen Induktionsspannungen möglich machte, war ein Wagner'scher Hammer.
Robert Norrby will in seinem Patent ohne diesen ausgekommen sein.

Der nächste Blick ins Internet zu diesem Thema hat mich etwas elektrisiert, hier eine schöne Adresse dazu:
http://horst-ries.de/Sites/hobby/Elektr ... duktor.htm

Wiederum ein Bid hieraus, z. B. der "Vril-Unterbrecher", interessanter Name:


Schema_Vril.jpg
Schema_Vril.jpg (37.34 KiB) 70 mal betrachtet

Bei vielen Konstruktionen des Hammers musste ein ziemlich hoher Strom durch einen magnetisierten Federstahl fliessen,
teilweise auch durch den magnetisierten Weicheisenkern.
Wo finden wir in den Anfängen der Elektrotechnik ein ähnliches Zusammentreffen?
Durch den Schaltvorgang wird ein weites Frequenzspektrum erzeugt.
Beim Ruhmkorff-Induktor wird eine Resonanzfrequenz durch den zugeschalteten Kondensator und durch die Spule selbst angeregt.
Die Ströme und Frequenzen, die dabei auftreten, passen mir gut ins Konzept...

Man möge die "Piano Wires" (Federstahl) an den Weicheisenstäben nicht vergessen, sie wurden u. A. im AVIA Report erwähnt: "The Apparatus".
Diese Beschreibung sollte man gelesen haben, man findet sie hier im Coler Thread.

Und dann wäre da noch Willy von Unruhs "Federstahlpatent"...

Könnte Willy 1907 als 17-Jähriger beim Experimentieren mit einem Funkeninduktor über etwas Neuartiges gestolpert sein, siehe Scheinadelliste?


Scheinadelliste .jpg
Scheinadelliste .jpg (27.96 KiB) 70 mal betrachtet


Hat der Apparat vielleicht auch ohne mechanische Arbeit des Unterbrechers geschwungen?

Ich glaube schon, daß Willy von Unruh etwas Ungewöhnliches gefunden hat, sonst würde ich ihm nicht schon so lange hinterherlaufen...

Waren die fünf "Tausendkerzigen Lampen" auf dem Stromerzeuger als Birnen getarnte Geissler Röhren?
Durfte deshalb niemals ein Fachmann den Apparat im Betriebe untersuchen?

Die Fortsetzung meiner krausen Gedanken folgt bald,

Ecki










 
Antworten
  • Information